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ÖKO-TEST Oktober 2011
vom

Krankenversicherungen, privat, Tarifwechsel

Gut versichert für weniger Geld

Immer neue Preisschübe bei den Versicherungsbeiträgen verärgern viele Privatpatienten und lassen sich vor allem im Alter immer schwerer schultern. Doch kein Kunde muss steigende Beiträge tatenlos hinnehmen. Unser Test zeigt, wie Sie gegensteuern und kräftig sparen können.

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30.09.2011 | Einbettzimmer und Chefarztbehandlung im Krankenhaus, immer die neuesten Medikamente und schnell einen Arzttermin, auf den Kassenpatienten Monate warten müssen: Knapp neun Millionen privat Krankenversicherte schätzen den Komfort und die Leistungen, die sie beim Arzt und im Krankenhaus als Privatpatienten genießen. Wenn nur die ständigen Beitragssteigerungen nicht wären. Fast alle Privatpatienten bekommen einmal im Jahr unerfreuliche Post von ihrer Versicherung - die Ankündigung der nächsten Beitragserhöhung. Im Schnitt, so das Analysehaus Morgen & Morgen erhöhen sich die Beiträge bei den Männern um 5,67 Prozent und bei den Frauen um 4,29 Prozent. Das gilt zumindest für die Jahre 2010 und 2011. Es gibt aber auch Versicherer, die weit kräftiger in die Taschen der Kunden langen. "Im extremen Einzelfall kann die Beitragssteigerung auch schon mal 12,7 Prozent pro Jahr betragen", rechnet Martin Zohar, Aktuar und Geschäftsführer von Morgen & Morgen vor.

Besonders hart treffen solche Steigerungen ältere Versicherte, bei denen die Beiträge ohnehin stärker ansteigen. Als Grund dafür verweisen die Versicherer vor allem auf steigende Gesundheitskosten und die zunehmende Lebenserwartung der Kunden. Diese Argumente kennt man auch von den gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Doch während die Kunden dort einen festgelegten Prozentsatz ihres Einkommens an die Kasse zahlen (derzeit 15,5 Prozent inklusive Arbeitgeberzuschuss), hängen die Prämien bei den privaten Policen vor allem vom Eintrittsalter, dem Umfang des Versicherungsschutzes und dem Gesundheitszustand des Versicherten ab. "Eine Obergrenze für Beitragserhöhungen gibt es daher nicht", sagt Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten (BdV).

Steigende Beiträge treffen Ältere am stärksten

Vor allem Ältere und Rentner ächzen daher häufig unter der sich im Laufe der Jahre drastisch verteuernden Beitragslast. Während sie als junge Kunden einst deutlich weniger zahlen mussten als GKV-Versicherte, sind ihre Beiträge im Alter oft regelrecht explodiert. Thorsten Rudnik sind sogar Fälle von Versicherten bekannt, deren Prämien sich innerhalb von sechs Jahren glatt verdoppelt haben. Doch 600 bis 800 Euro Monatsbeitrag können Ruheständler oft kaum noch verkraften. "Viele Versicherte sind verzweifelt, sie sagen uns: Das kann doch nicht sein", berichtet Rudnik.

Das Problem: Während Kassenpatienten nach einer Beitragserhöhung problemlos zur Konkurrenz abwandern können, sind Privatpatienten meist die Hände gebunden. Vor allem langjährig Versicherte, die sich vor 2009 für die PKV entschieden haben, können den Großteil ihrer Altersrückstellungen, die sie im Laufe der Jahre angespart haben, bei einem Wechsel zu einem anderen Versicherer nicht mitnehmen. Sie müssten also auf mehrere Zehntausend Euro verzichten, mit denen die Beitragsexplosionen im Alter zumindest abgefedert werden sollen. Das lohnt selten (siehe Kompakt Wechselrecht). Zudem müssen sich Wechselwillige beim neuen Versicherer erneut einer Gesundheitsprüfung unterziehen. Versicherten mit Vorerkrankungen drohen dann Risikozuschläge oder gar eine Ablehnung. Kurz: Die meisten sind an ihren jeweiligen Versicherer gefesselt. Entweder der Anbieterwechsel funktioniert nicht, weil der Kunde schon kleinere Wehwehchen hat, oder er wird zum Verlustgeschäft.

Dennoch müssen altgediente Privatkunden steigende Beiträge nicht einfach tatenlos hinnehmen. Sie können ihre Beitragslast auch bei ihrer derzeitigen Kasse optimieren - indem sie entweder auf einen Paralleltarif ihres Versicherers umsteigen oder einen höheren Selbstbehalt vereinbaren. Viele private Kassen bringen regelmäßig neue, weit günstiger kalkulierte Vollkostentarife auf den Markt, um für Neukunden attraktiv zu bleiben. Diese Chance können Altkunden nutzen. "Solange der neue Tarif nicht mehr Leistungen als der alte bietet, können sie umsatteln und dabei auch ihre Altersrückstellungen erhalten", weiß Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Sogar Mehrleistungen sind kein Hinderungsgrund, auch wenn einige Kassen so argumentieren. "Da darf man sich nicht beirren lassen", rät Gerd Güssler, Geschäftsführer des Freiburger Marktbeobachters www.KVpro.de und ergänzt: "Mehrleistungen im neuen Tarif kann man ausschließen und trotzdem umsteigen. Das ist im Gesetz garantiert."

Versicherer machen den Tarifwechsel nicht leicht

Auf dem Silbertablett werden attraktive Wechselmöglichkeiten den Kunden allerdings höchst selten präsentiert. Zwar haben alle Kunden sogar ein gesetzlich verbrieftes Recht darauf, in einen günstigeren Tarif ihrer Gesellschaft zu wechseln, wann immer sie möchten. Und das sogar ohne erneute Gesundheitsprüfung und ohne dabei ihre Alterungsrückstellungen zu verlieren. In der Praxis müssen sie sich aber selbst darum kümmern, bei ihrem Versicherer das Beste für sich herauszuholen. Denn die privaten Krankenversicherungen haben kein Interesse daran, dass alte und womöglich kranke Bestandskunden - also schlechte Risiken - in junge, kostengünstige Tarife gehen. Schließlich verliert der Versicherer mit jedem Euro weniger Beitrag nicht nur bares Geld. Vielmehr hat eine Massenflucht aus teuren Alttarifen auch zur Folge, dass die Beiträge der bislang günstigen Neukundentarife mittelfristig ebenfalls explodieren.

Wer mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis seines Tarifs unzufrieden ist, muss daher selbst aktiv werden und von seinem Versicherer ein Umstellungsangebot fordern. "Dabei braucht er aber meist auch eine gehörige Portion Hartnäckigkeit sowie Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen. Denn nicht jeder Versicherer ist gleich willig", weiß KVpro-Chef Güssler. "Es wird ganz gewaltig gemauert", beobachtet auch Hajo Köster vom Bund der Versicherten. So würden manche Versicherer auf Anfrage behaupten, dass keine Sparmöglichkeit bestehe. Oft laufe auch die Bearbeitung extrem schleppend. Manche Auskünfte seien sogar schlicht falsch, zum Beispiel die Information, chronisch Kranke könnten gar nicht wechseln. Beliebt sei es auch, anstelle des Tarifwechsels eine Erhöhung des Selbstbehalts vorzuschlagen und den Beitrag dadurch etwas zu senken. Doch das ist meist die schlechtere Alternative. Denn dabei verlagert der Versicherer nur mehr Risiko auf den Kunden.

Das verraten die Anbieter aber selten, obwohl sie bei Anfragen eigentlich nicht nur zu Auskünften, sondern auch zur Beratung verpflichtet sind. Dirk Lullies, Pressereferent des Verbands der privaten Krankenversicherungen, beteuert zwar, dass alle Versicherer die gesetzlichen Vorgaben verantwortungsbewusst umsetzen. Wie das in der Praxis aussieht, verraten jedoch zahlreiche Leserzuschriften: Der Versicherte bekommt auf seine Anfrage zwar bis zu zehn verschiedene Umstellungsvarianten serviert. Doch niemand erklärt, was sie jeweils konkret bedeuten und welche Variante die optimale Lösung ist. Auch Vermittler und Makler helfen selten. Das dürfte vor allem finanzielle Gründe haben: Sie verdienen an einem Tarifwechsel nichts. An Provisionen von bis zu 12 Monatsbeiträgen kommen sie nur, wenn ihre Kunden einen Vertrag bei einem anderen Versicherer abschließen. So bleibt Betroffenen nur der Gang zu einer Verbraucherzentrale oder einem der schätzungsweise 50 bis 100 Honorarberater, die es bundesweit gibt und die Privatversicherten auch helfen, bestehende Verträge zu optimieren.

ÖKO-TEST wollte aber erst einmal genau wissen, wie viel Sparpotenzial ein Tarifwechsel oder die Umstellung auf höheren Selbstbehalt bietet und hat anhand hypothetischer Beispielsfälle für einen 55-jährigen Mann und eine gleichaltrige Frau ausgerechnet, wie viel Monatsbeitrag sich sparen lässt. Dafür wurden 83 Tarifkombinationen von 20 marktführenden privaten Versicherern ausgewählt. In allen Beispielen ist unterstellt, dass der Kunde der jeweiligen Versicherung schon seit 16 Jahren die Treue hält. Doch Vorsicht: Das Sparpotenzial in den Musterfällen lässt sich nicht 1:1 auf reale Kunden übertragen, die in den genannten Tarifen versichert sind. In der Praxis hängt sowohl die Höhe der gebildeten Altersrückstellung als auch das Sparpotenzial ausschließlich vom individuellen Versicherungsverlauf ab. Deshalb können die Testergebnisse nur als Beispiel dafür dienen, wie viel Beitragsreduktion möglich und was beim Wechsel alles zu beachten ist.

Das Testergebnis

Das größte Sparpotenzial lässt sich meist bei einem Tarifwechsel erzielen. Unser männlicher Musterkunde könnte zum Beispiel jeden Monat bis zu 301 Euro sparen. Mit diesem Wechsel spart er jedoch nicht nur Beiträge, sondern reduziert auch seinen Versicherungsschutz. Die reine Erhöhung des Selbstbehalts im abgeschlossenen Tarif lohnt sich dagegen nur selten. Zwar sieht die Beitragsersparnis auf den ersten Blick immer üppig aus. Doch im Krankheitsfall müssen die Kunden erst einmal tief in die eigene Tasche greifen, bevor auch der Versicherer ran muss. Unterm Strich sind in allen untersuchten Musterfällen mit erhöhtem Selbstbehalt daher maximal 120 Euro anfängliche Ersparnis pro Monat drin. Oft springen aber nur 40 bis 50 Euro heraus. Der Vorteil hält zudem selten lange. Denn bei künftigen Beitragssteigerungen sind die Versicherten weiter kräftig dabei. Nicht selten ist der Monatsbeitrag vier bis fünf Jahre nach Umstellung daher schon wieder genauso hoch wie vorher, nur der Selbstbehalt hat sich verdoppelt oder verdreifacht. Kurz: Das ist selten ein gutes Geschäft.

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