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ÖKO-TEST Oktober 2016
vom

Fonds, Aktienfonds, Nachhaltig

Grünes Risiko

Produkte für eine ethische oder grüne Geldanlage gibt es viele. Doch manche Fonds investieren auch in Kohle, Rüstung und Atomkraft - betreiben also nur Augenwischerei. Ein neues Gütesiegel soll für mehr Transparenz im Markt sorgen. ÖKO-TEST verrät, ob es Anlegern wirklich hilft, die Spreu vom Weizen zu trennen.

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29.09.2016 | Mit gutem Gewissen Geld verdienen - das wollen offenbar immer mehr Anleger. Nach Angaben des Forums nachhaltige Geldanlagen (FNG) ist das in Investmentfonds und institutionellen Mandaten nach humanitären, sozialen und ökologischen Kriterien verwaltete Vermögen allein im vergangenen Jahr um rund 31 Prozent auf 69 Milliarden Euro gestiegen. Das ist ein gewaltiges Plus. Verglichen mit den konventionell verwalteten Vermögen sind Fonds, die keine Waffenhersteller, Atomenergieerzeuger oder fossile Brennstoffe im Depot haben, aber immer noch ein Nischenmarkt. Sie machen hierzulande gerade mal drei Prozent des gesamten Fondsmarktes aus. Allerdings mit wachsender Tendenz. Neuen Schwung bekommt der Markt vor allem seit dem Klimagipfel Ende 2015 in Paris. Seither ist der Kampf gegen die Erderwärmung nicht nur bei institutionellen Investoren, sondern auch bei Privatanlegern wieder ein Thema. In Kohle oder fossile Brennstoffe will niemand mehr investieren. Eine Gewähr dafür bieten aber auch Öko-Fonds nicht.

Auf das Schlagwort Nachhaltigkeit allein kann sich kein Anleger verlassen. Das beweisen die vielen Skandale im Bereich der grünen Fonds. Der wohl peinlichste ereignete sich im vergangenen Jahr. Keine Woche nachdem die Ratingagentur Robeco Sam den Wolfsburger Automobilkonzern Volkswagen erneut zum "nachhaltigsten Automobilhersteller der Welt" gekürt hatte, wurde der Skandal um manipulierte Abgaswerte publik. Volkswagen hatte mit illegaler Software die Aufsichtsbehörden ausgetrickst. Das warf nicht nur die Umweltbilanz des Konzerns über den Haufen und bescherte dem Konzern Betrugs- und Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe. Robeco Sam, oft genug selbst als bester ESG-Manager ausgezeichnet, musste sein Ratingurteil revidieren, die VW-Aktie drastisch herabstufen und den Titel aus seinem Dow Jones Sustainability Index (DJSI) entfernen, dem weltweit meistbeachteten Nachhaltigkeitsindex, in dem VW seit Jahren gelistet war. Auch diverse Öko-Fonds nahmen VW-Aktien sofort mit spitzen Fingern aus dem Depot.

Auf die Frage, wie dieser Fehlgriff überhaupt möglich war, antworteten alle Beteiligten unisono, vor Betrug und Fehlverhalten in Form von vorsätzlichen Manipulationen sei eben niemand gefeit. Doch so simpel ist der Sachverhalt keineswegs. Denn es war nicht das erste Mal, dass Anleger in ihren Fonds Aktien von Firmen vorfanden, die nur vorgaben, umweltfreundlich und ethisch korrekt zu handeln, also letztlich "Greenwashing" betrieben, wie man das im Fachjargon nennt. Zu den entlarvenden Momenten gehörte schon der Super-GAU mit der Ölbohrplattform Deepwater Horizon von BP im Golf von Mexiko vor fünf Jahren sowie der Skandal um manipulierte Bilanzen bei Toshiba oder Atomtitel in grünen Fonds, die nach der Fukushima-Katastrophe aufflogen. Das wirft die Frage auf, was Nachhaltigkeitsratings wert sind, wenn sie so offensichtlich danebenliegen. Und wie genau es die Fonds mit der sauberen Titelauswahl nehmen.

Um Anlegern in diesem Punkt Entscheidungshilfe zu bieten, hat das FNG-Forum als Branchenverband im vergangenen Jahr zusammen mit der französischen Researchagentur Novethis erstmals ein Gütesiegel für nachhaltige Fonds vergeben (Einzelheiten siehe Kasten S. 107). "Das Siegel ist ein Qualitätsstandard", sagt FNG-Vorstandsmitglied und Fondsexperte Olaf Köster. Damit will das FNG Anlegern und Finanzberatern den Vergleich von Nachhaltigkeitsfonds erleichtern.

Grund genug für ÖKO-TEST, die ersten 34 ausgezeichneten Publikumsfonds für Privatanleger und fünf Fonds für Institutionelle unter die Lupe zu nehmen und zu prüfen, ob sie halten, was sich umweltbewusste Anleger davon versprechen. Anders als das FNG hat ÖKO-TEST bei den Fonds aber nicht nur die Güte des Auswahlverfahrens und die praktische Umsetzung der Anlagepolitik untersucht, sondern auch die Performance und die Kosten.

Das Testergebnis

Kein Schutz vor Greenwashing. Laut eigenem Anspruch will das FNG mit seinem neuen Siegel Qualitätsstandards setzen. Es soll zwar kein "Garant" für tiefgrüne Fonds, aber zumindest doch ein Indikator dafür sein. Auf dem Papier sind die Hürden für eine Siegelvergabe daher hoch, das mehrstufige Auswahlverfahren klingt anspruchsvoll. In der praktischen Umsetzung zeigen sich jedoch Schwächen, wie der ÖKO-TEST aufdeckt. Ob das nur Kinderkrankheiten sind oder Fehler im System lässt sich mangels Transparenz bei der Siegelvergabe aber nicht erkennen. Fakt ist: Als alleinige Entscheidungshilfe für Anleger taugt das Siegel nicht. Denn auch hellgrüne Fonds können sich mit Sternchen schmücken. Fest steht auch: Wäre ÖKO-TEST derartig intransparent, würden unsere Tests reihenweise von Gerichten verboten.

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