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ÖKO-TEST Juli 2016
vom

Alternativen zu Berufsunfähigkeitsversicherungen

Mager, gefährlich und intransparent

Berufsunfähigkeitsversicherungen sind für viele kaum bezahlbar oder nicht zu bekommen. Als Alternative bieten Versicherer Erwerbsunfähigkeitspolicen, Grundfähigkeits- oder Multi-Risk-Versicherungen. Doch die sind mager, teuer oder beides.

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30.06.2016 | Jeder vierte Arbeitnehmer scheidet laut Deutscher Rentenversicherung aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus. Wer nicht einmal mehr drei Stunden am Tag einer Beschäftigung nachgehen kann, erhält eine volle "Erwerbsminderungsrente", sind noch bis zu sechs Stunden möglich, gibt es die Hälfte. Im Schnitt liegt die Erwerbsminderungsrente derzeit bei 719 Euro pro Monat. Das ist zum Leben zu wenig. Zudem gibt es die Rente nur, wenn man überhaupt keinen Job mehr machen kann. Der Pilot, der kein Flugzeug mehr fliegen kann, geht also leer aus, wenn er noch an der Baumarktkasse sitzen kann.

Wer nicht erst krank und dann arm sein will, muss privat vorsorgen. Das ist übrigens noch wichtiger, als eine private Rentenversicherung - die man ohnehin nicht mehr bezahlen kann, wenn man kein Geld mehr verdient. Die beste Vorsorge ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Sie zahlt, wenn man in seinem Beruf nicht mehr arbeiten kann, wenn beispielsweise der Bäcker an einer Mehlstauballergie erkrankt. Doch für die, die eine solche Versicherung am dringendsten brauchen - Krankenschwestern, Dachdecker, Fliesenleger und andere körperlich hart arbeitende Berufe - ist sie unbezahlbar. Denn die Versicherungsunternehmen suchen sich die "guten" Risiken heraus. Menschen, die eine geringe Wahrscheinlichkeit haben, berufsunfähig zu werden. Denen bieten sie für relativ wenig Geld eine vergleichsweise hohe Absicherung - und verdienen prächtig daran. Denn eine Rente müssen sie nur selten zahlen.

Allen anderen offerieren die Assekuranzen Schwere-Krankheiten-, Grundfähigkeits- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherungen als Ersatz. Die leisten weniger und sind daher auch günstiger. Kaum im Angebot, und schon gar nicht beworben wird die Erwerbsunfähigkeitsversicherung (EU). Sie gilt als Stiefkind der Invaliditätsvorsorge. So findet man beim Düsseldorfer Ergo-Konzern, einem der großen Invaliditätsversicherer, das Produkt nicht einmal auf der Homepage. "Die EU-Police wird angeboten, wenn eine Berufsunfähigkeitsabsicherung aufgrund von Vorerkrankungen oder aufgrund des ausgeübten Berufs nicht abgeschlossen werden kann - oder natürlich wenn ausdrücklich danach gefragt wird", erläuterte eine Sprecherin des Unternehmens. Die Generali-Tochter AachenMünchener kündigte anlässlich unseres Tests an, dass sie ihr Produkt sogar ganz vom Markt nehmen will. Demgegenüber glaubt Michael Franke von der Rating Agentur Franke & Bornberg aus Hannover, die EU-Police sei "besser als ihr Ruf". Zum Beispiel bei seelischen Erkrankungen. Denn wer schwer psychisch krank ist, kann in der Regel gar keine Tätigkeit mehr verrichten und bekommt eine Rente. Anders sieht es bei Erkrankungen des Bewegungsapparats aus. "Ein Maurer mit Rückenschmerzen kann vielfach noch länger als drei Stunden an der Kasse des Baumarkts sitzen", so Franke. Somit ist die EU-Police zwar ein guter Schutz bei seelischen Krankheiten, weniger gut aber bei körperlichem Verschleiß.

Solche Defizite sollen nun mit neuartigen Versicherungen wie der KörperSchutzPolice der Allianz, die Multi-Rente Balance der Janitos oder dem Grundfähigkeits-Schutzbrief der Zurich ausgemerzt werden. Sie wollen, wie die AXA Existenzschutzversicherung, "die Absicherung gegen die finanziellen Folgen von schweren Krankheiten, Unfällen, Verlust der Grundfähigkeiten und Pflegebedürftigkeit" vereinen. Geboten wird "viel Schutz zum kleinen Preis", so Die Bayerische über ihr Produkt Multi Protect. Geeignet sei die Police "als Alternative für Personen, die keine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen können oder aufgrund hoher Prämien beim Abschluss gezögert haben". Konzept und Marketing preist seine Allsafe Lavida - Die Lebensstandardversicherung als "ideale" Alternative oder Ergänzung zur BU-Police. Zudem sei man mit der Allsafe "ein Leben lang geschützt". Auch die Allianz trägt stark auf: "Gegen die finanziellen Folgen gesundheitlicher Schicksalsschläge können Sie sich schon für wenig Geld wirksam absichern - Mit der KörperSchutzPolice der Allianz".

Aller Werbung zum Trotz: "Wer eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht bezahlen kann, trifft oft gar keine Vorsorge", stellt Michael Franke ernüchternd fest. Das belegen die Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Danach liegt der Anteil der alternativen Invaliditätsprodukte im Neugeschäft aktuell bei lediglich drei Prozent. Wir wollten wissen, ob zu recht. Daher haben wir die neuen Tausendsassas in einen Test gepackt und gleichzeitig die Angebote der klassischen EU-Police auf den Prüfstand gestellt. Insgesamt wurden so 54 Tarife von 34 Anbietern untersucht.

Das Testergebnis Erwerbsunfähigkeitsversicherung

Bestenfalls befriedigend: Wer keine drei Stunden mehr arbeiten kann, hat Anrecht auf eine private Erwerbsunfähigkeitsrente. Doch der Weg ist weit. "Es stellt sich schon die Frage: Wann muss diese Versicherung überhaupt zahlen", sagt Verbraucherschützerin Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Denn es müsse schon sehr viel passieren, bis man überhaupt keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen könne. Der Fachbegriff für den Zwang, jeden Job anzunehmen, heißt abstrakte Verweisung. Sie war vor Jahren auch bei Berufsunfähigkeitsversicherungen üblich - und wurde von Verbraucherschützern immer heftig kritisiert. Da Erwerbsunfähigkeitsversicherungen immer abstrakt verweisen können, bekommen sie bestenfalls den "3. Rang" (befriedigend).

Das Testergebnis Grundfähigkeits- und Multi-Risk-Policen

Nur wer fast blind, stumm oder total taub ist, erhält auf Anhieb eine Leistung. Ansonsten gibt es erst Geld, wenn Betroffene den Kopf unter dem Arm tragen. Beim Verlust anderer Grundfähigkeiten müssen oft 100 Punkte erreicht werden. Wer etwa wegen sehr großer Schmerzen nicht mehr gehen, nicht mehr stehen und nicht mehr knien kann, erreicht beispielsweise für diesen Verlust von drei Grundfähigkeiten bei der VPV Vital nur 90 von 100 notwendigen Punkten. Eine Rente gibt es dafür nicht. Selbst eine Querschnittlähmung führt nur bei wenigen Tarifen direkt zur Zahlung. Damit ist der Schutz eigentlich noch schlechter als durch Erwerbsunfähigkeitsversicherungen. Unser Test zeigt nämlich zudem, dass kein Tarif alle Risikofelder abdeckt. Versicherte haben also nicht nur das Risiko, dass die Krankheit nicht "schlimm" genug für eine Rentenleistung ist. Sie laufen auch Gefahr, an einer Krankheit oder einem Gebrechen zu leiden, dass ausgerechnet von ihrer Versicherung nicht gedeckt wird. Im besten Fall zahlt ein Tarif für 29 der von uns abgefragten 34 leistungsauslösenden Krankheiten, im schlechtesten für nur 13.

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Weitere Informationen

Grundfähigkeits-, Schwere-Krankheiten-, Multi-Risk-Versicherungen: Für die Ermittlung der Gesamtleistung haben wir insgesamt 38 Leistungsmerkmale bewertet. Zugrunde gelegt haben wir eine Rentenzahlung von sieben Jahren (sie entspricht der durchschnittlichen Rentenleistung bei Erwerbsminderung in der gesetzlichen Rentenversicherung). Die höchste Rentenleistung betrug also 126.000 Euro, die wir auch den Berechnungen zugrunde gelegt haben, wenn ein Tarif lebenslang leistet. Bewertet wurde nur, wenn der Leistungsauslöser direkt und uneingeschränkt gilt. Nicht bewertet wurden Ausschlüsse bei Krebs, Wartezeiten und Sofortleistungen, soweit sie nicht bei Bewertung der Leistungsauslösung berücksichtigt wurden. Soweit eine Leistung Erwerbsminderung voraussetzt, wurde diese nur mit 25 Prozent berücksichtigt; bei der Punktebewertung floss die Leistung mit der niedrigsten Leistung eines Versicherers ein. Gilt die Beitragsbefreiung bei Rentenleistung nicht für Krebs, wurde nur mit 50 Prozent bewertet; gilt sie nur für den betroffenen Leistungsbereich wurde mit 25 Prozent bewertet. Bei der Analyse des Verlustes von Grundfähigkeiten wurden die Leistungspunkte in Prozentwerte umgerechnet. Mussten mehrere Grundfähigkeiten für die Leistung erfüllt sein, wurde dies anteilsmäßig berücksichtigt. Mussten etwas drei Grundfähigkeiten erfüllt werden, wurde die einzelne Grundfähigkeit mit 33 Prozent in die Bewertung aufgenommen. Die einzelnen Leistungsauslöser und Leistungsmerkmale wurden wie folgt bewertet: Prognosezeit in Monaten: bis sechs Monate 100 %, bis 12 Monate 50 %, höhere Prognosezeiträume mit 0 %; rückwirkende Zahlung ab Erkrankung oder Invalidität: keine Einschränkung 100 %, 36 Monate 50 %, 24 Monate 25 %, zwölf Monate12,5 %, sechs Monate 0 %. Erhöhung der Versicherungssumme ohne erneute Gesundheitsprüfung - Zahl der Ereignisse (ZdE): Grundlage 100 % für 18 ZDE; bei Pflegebedürftigkeit bis Verlust von drei alltäglichen Fähigkeiten, 50%iger Invalidität oder Pflegestufe I 100 %; Mit 100 % wurde bewertet, wenn ein schwerer Unfall ab 50 % Invalidität die Rente auslöst. Bis zu 100 % wurden nachfolgende schwere Erkrankungen oder Fähigkeitsverluste bewertet, wenn sie die Rente auslösen: Entzug der Fahrerlaubnis aus gesundheitlichen Gründen; beugen; erheben; sitzen; Knien und Bücken; stehen; nicht gehen können; Treppen hinauf- bzw. heruntergehen; Arme bewegen; Heben und Tragen; Funktion der Hände; geistige Leistungsfähigkeit (Demenz); Gleichgewichtssinn; Orientierung; hören; sprechen; sehen; reine seelische Erkrankungen, z.B. mittelgradige depressive Episode ohne stetigen Orientierungsverlust; vollständige Lähmung eines Beins oder eines Arms oder einer Körperhälfte durch Gehirn oder zentrales Nervensystem; psychische Störungen, Geisteskrankheit, die zu einer dauerhaften Orientierungslosigkeit oder Dauerbetreuung oder Unterbringung in geschlossener Einrichtung führen; Schlaganfall; Herzinfarkt; Querschnittslähmung; Koma; Niere; Lunge; Leber; multiple Sklerose; Krebs Schweregrad oder Stadium IV; Krebs Schweregrad oder Stadium III; Krebs Schweregrad oder Stadium II sowie Krebs Schweregrad oder Stadium I.
Anforderungen an die Tarife: Ausgewählt zum Test wurden Tarife der Grundfähigkeits-, Schwere-Krankheiten-, Multi-Risk-Versicherung für einen Tischler mit handwerklicher Ausbildung, der als Angestellter arbeitet und 30 Jahre alt (geb. 1.1.1986), ledig und Nichtraucher ist und zu 100 Prozent körperlich arbeitet, somit keine kaufmännische Tätigkeit ausübt und keine Personalverantwortung trägt. Sein Bruttogehalt beträgt derzeit 40.000 Euro jährlich. Abgesichert werden soll eine monatliche Rente von 1.500 Euro. Der Beitrag soll monatlich gezahlt werden. Versicherung und Beitragszahlung sollte bis zum 65. Lebensjahr (35 Jahre) laufen. Der Versicherungsbeginn ist der 1.8.2016. Eine Beitragsdynamik ist nicht gewünscht. Überschüsse sollten mit dem Beitrag verrechnet werden. Die Tarife und Prämien wurden von der Ratingagentur Franke & Bornberg, Hannover im Mai 2016 am Markt erhoben und den Unternehmen zu einer Plausibilitätsprüfung zurückgespielt. Die Bewertung der Tarife erfolgte durch ÖKO-TEST.

Erwerbsunfähigkeitsversicherungen: Die Bewertung der Leistungen erfolgt über Punkte. Jeweils drei Punkte gab es für: a) "erhöhte" Zahl (ab 15) von Anlässen zur Erhöhung der Versicherungssumme ohne erneute Gesundheitsprüfung; b) maximale Anpassung der Versicherungssumme ohne Gesundheitsprüfung im Musterfall "erhöht" (18.000 Euro). Jeweils zwei Punkte gab es für: a) Beitragsbefreiung im Schadenfall, b) Prognosezeitraum sechs Monate; c) Erwerbsunfähigkeit durch Pflegebedürftigkeit; d) unbefristete rückwirkende Zahlung bei verspäteter Meldung; e) "mäßige" Zahl (zehn bis 14) von Anlässen zur Erhöhung der Versicherungssumme ohne erneute Gesundheitsprüfung; f) Möglichkeit der Erhöhung der Versicherungssumme ohne Gesundheitsprüfung und ohne Anlass (alle fünf Jahre); g) maximale Anpassung der Versicherungssumme ohne Gesundheitsprüfung im Musterfall "mäßig" (12.000 Euro). Jeweils einen Punkt gab es für: a) Prognosezeitraum zwölf Monate; b) rückwirkende Zahlung bei verspäteter Meldung bis zu drei Jahren ("erhöht"); c) "niedrige" Zahl (unter zehn) von Anlässen zur Erhöhung der Versicherungssumme ohne erneute Gesundheitsprüfung; d) Möglichkeit der Erhöhung der Versicherungssumme ohne Gesundheitsprüfung und ohne Anlass "eingeschränkt" (nicht alle fünf Jahre); e) maximale Anpassung der Versicherungssumme ohne Gesundheitsprüfung im Musterfall "niedrig" (unter 12.000 Euro); f) Erwerbsunfähigkeit durch Pflegebedürftigkeit "eingeschränkt" (bei vier von sechs alltäglichen Verrichtungen ist Hilfe notwendig). Um zwei Noten abgewertet wurde eine Rente, die stark sinkt, je älter der Versicherungsnehmer im Versicherungsfall ist, hier Existenz-Rente Tarif BEA16 der Credit Life. Um eine Note aufgewertet wurde ein Tarif, der eine halbe Rente und Beitragsbefreiung bereits leistet, wenn noch drei bis sechs Stunden Arbeit täglich möglich sind, hier Tarif RLV N2801 EUZ BAZ2015 der Nürnberger.
Anforderungen an die Tarife: Ausgewählt zum Test wurden Tarife der Erwerbsunfähigkeitszusatzversicherung (EUZ) und Tarife der Selbstständige Erwerbsunfähigkeitsversicherung (SEU) für einen Tischler mit handwerklicher Ausbildung, der als Angestellter arbeitet und 30 Jahre alt (geb. 1.1.1986), ledig und Nichtraucher ist und zu 100 Prozent körperlich arbeitet, somit keine kaufmännische Tätigkeit ausübt und keine Personalverantwortung trägt. Sein Bruttogehalt beträgt derzeit 40.000 Euro jährlich. Abgesichert werden soll eine monatliche Rente von 1.500 Euro. Der Beitrag soll monatlich gezahlt werden. Versicherung und Beitragszahlung sollte bis zum 65. Lebensjahr (35 Jahre) laufen. Der Versicherungsbeginn ist der 1.8.2016. Eine Beitragsdynamik ist nicht gewünscht. Überschüsse sollten mit dem Beitrag verrechnet werden. Bei der Kombination mit einer Risikolebensversicherung soll die Mindestversicherungssumme für den Todesfall abgesichert werden. Die Tarife und Prämien wurden von der Ratingagentur Franke & Bornberg, Hannover am Markt erhoben im Mai 2016 erhoben und den Unternehmen zu einer Plausibilitätsprüfung zurückgespielt. Die Bewertung der Tarife erfolgte durch ÖKO-TEST. Die Tarife und Prämien wurden von der Ratingagentur Franke & Bornberg, Hannover im Mai 2016 am Markt erhoben und den Unternehmen zu einer Plausibilitätsprüfung zurückgespielt. Die Bewertung der Tarife erfolgte durch ÖKO-TEST.