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ÖKO-TEST Dezember 2016
vom

Öko-Stromtarife

Nicht ganz grün

Das "Interesse an Öko-Strom erlahmt" verkündete im Sommer die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Wirklich? Und wenn ja, woran liegt das? Vielleicht auch daran, dass völlig unklar ist, wie sich Öko-Strom überhaupt definiert. Wir haben geprüft, wie grün die Tarife tatsächlich sind.

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24.11.2016 | Die Zeiten sind vorbei, als die Kunden für einen wahren Boom bei der Öko-Strom-Nachfrage sorgten. Das war vor fünf Jahren nach dem Atommeiler-GAU von Fukushima. Danach, im zweiten Halbjahr 2012, stellten Grünstromtarife noch 81 Prozent aller vom Onlineportal Verivox neu vermittelten Haushaltsstromverträge. Im zweiten Halbjahr 2015 waren es nur noch 59 Prozent. In den ersten sechs Monaten 2016 sank der Anteil sogar auf 51 Prozent. "Das Wachstum hat sich in der Tat gegenüber dem Jahr nach der Fukushima-Katastrophe verlangsamt, als aufgeschreckte Kunden zu Hunderttausenden auf sauberen Strom umschalteten", stellt auch Gero Lücking, Geschäftsführer beim Marktführer für grünen Strom, Lichtblick in Hamburg, fest. Die Tendenz mag stimmen. Genauere Zahlen über das nachlassende Interesse sucht man allerdings vergebens.

Zudem mangelt es den Daten erheblich an Aktualität. So stammen bei der Bundesnetzagentur, die gemeinsam mit dem Bundeskartellamt jährlich einen umfangreichen Monitoringbericht über die Strom- und Gasmärkte in Deutschland veröffentlicht, die letzten Zahlen über die mit grünem Strom versorgten Haushalte aus dem Jahr 2013, da waren es 7,5 Millionen. Für 2014 liegen aufgrund eines Computerfehlers keine und für 2015 zu Redaktionsschluss noch keine Ergebnisse vor.

Aktuellere Zahlen liefert da die VuMA-Studie Touchpoints. Die Arbeitsgemeinschaft VuMA, die unter anderem für Fernsehanstalten Verbrauchs- und Medienanalyse betreibt, kennt aus repräsentativen Befragungen die Konsumgewohnheiten der Deutschen bestens: Danach ist die Zahl der Öko-Strombezieher von 2013 bis Mitte 2016 um eine Million auf 8,5 Millionen gestiegen. 2011, im Jahr von Fukushima, waren es noch 4,8 Millionen.

Für Verwirrung sorgte allerdings in diesem Sommer eine Umfrage der Fachzeitschrift Energie & Management (E&M) gemeinsam mit dem Hamburg-Institut Consulting (HIC). Sie befragen seit elf Jahren regelmäßig Stromanbieter nach der Zahl ihrer Öko-Stromkunden. Die Untersuchung ist nach eigener Darstellung die bundesweit größte ihrer Art. Nach ihren neuesten Ergebnissen wäre die Zahl der Öko-Stromkunden gesunken. Das Ergebnis war so frappierend, dass die Tagespresse schlagzeilenträchtig unter Headlines wie "Öko-Stromtarife im Abwind" oder "Interesse an Öko-Strom erlahmt" berichtete. Nach der aktuellen E&M-Umfrage hatten 2013 rund 5,75 Millionen der etwa 40 Millionen deutschen Privathaushalte Öko-Stromtarife, 2015 waren es dann nur noch 4,4 Millionen. Der Pferdefuß der Erhebung, auf den die Verfasser selbst hinweisen: Die Zahlen sind nicht vergleichbar. So erfasste die Erhebung 2013 Öko-Stromkunden von 267 Stromanbietern. Bei der aktuellen Umfrage waren es nur noch 150 Unternehmen, da sich viele anscheinend nicht mehr in die Karten gucken lassen wollten. Fazit des Zahlensalats: Kein Rückgang der Kunden, aber der Zuwachs lahmt.

Lichtblick-Geschäftsführer Gero Lücking kommentiert: "Nicht die Zahl der Öko-Strom-Haushalte ist gesunken, sondern die Energieanbieter sind intransparenter geworden." Die mangelnde Transparenz beim Öko-Stromangebot verunsichert viele potenzielle Kunden in der Tat und lässt sie auf den Umstieg verzichten. Zur Verunsicherung trägt auch bei, dass immer mehr kleinere Anbieter vom Markt verschwinden. So ist beispielsweise beim reinen Öko-Stromanbieter Lichtblick inzwischen die Zahl der Haushaltskunden zwar auf 500.000 gestiegen - ein Ziel, das sich das Unternehmen schon für 2011 gesetzt hatte. "Das Wachstum ist in erster Linie auf Unternehmensübernahmen zurückzuführen", so Lücking. Vor allem durch die Übernahme der 33.000 Tchibo-Öko-Stromkunden. Auch Oliver Hummel, Vorstandsmitglied bei der Düsseldorfer Naturstrom AG, die 220.000 Haushaltskunden zählt und weitere Unternehmensübernahmen prüft, glaubt an eine anhaltende Marktbereinigung. Seine Erwartung: Für kleinere Anbieter kann die Luft sehr schnell dünn werden, wenn das Wachstum ausbleibt. Denn Strombelieferung ist ein Massengeschäft, so der Naturstrom-Vorstand. Damit sich die nötigen IT-Strukturen rechnen, braucht man eine gewisse kritische Größe. Oliver Hummel: "Gut möglich, dass wir in Zukunft weitere Übernahmen sehen."

Das Interesse an Grünstrom hat also nach der Boomphase nachgelassen, das liegt aber nicht nur an verunsicherten Kunden. Es wächst auch das Gefühl, der Ausstieg aus Atomenergie und Kohle sei durch die politische Entscheidung ohnehin ein Selbstläufer. "Heute glauben viele, die Energiewende sei bereits vollzogen", so Lücking. Schließlich ist der regenerative Anteil am allgemeinen Strommix in den vergangenen Jahren ständig gestiegen und lag 2015 bei 33 Prozent. Für 2016 werden 35 Prozent geschätzt.

Hinzu kommt: Da alle Stromkunden die Energiewende über die deutlich gestiegene EEG-Umlage auf der Stromrechnung mitfinanzieren, sinkt auch die Bereitschaft, auf Öko-Stromtarife umzusteigen, schätzt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW: "In der Kirche spenden Sie ja auch nur einmal und nicht zweimal", so der Energieexperte. Mehr noch: "Relevantes Wachstum haben seit 2013 lediglich Discountanbieter erzielt, deren Tarife keinen Nutzen für den Klimaschutz oder die Energiewende haben", so Naturstrom-Vorstand Hummel. Die Discounter, ergänzt Sieverding, lockten Neukunden mit billigen Wasserkraft-Herkunftsnachweisen, ohne tatsächlich ausschließlich auf regenerative Energiequellen zu setzen: "Trittbrettfahrer haben leider leichtes Spiel."

Auch die zahlreichen verschiedenen Öko-Stromlabels, unterschiedliche Qualitätsstandards und damit unklare Zertifizierungen öffnen den Stromanbietern Grauzonen. Da ist es gut, wenn Forschungseinrichtungen wie das Öko-Institut die Spreu vom Weizen trennen. Die Freiburger untersuchen kontinuierlich, welche Öko-Stromangebote wirklich einen Fortschritt für die Verbraucher und die Umwelt bieten. Das gewährleisten das Ok-Power-Label und das Grüner Strom Label Gold mit ihren jeweiligen Kriterienkatalogen und den dazugehörigen Kontrollen. Stromtarife, die diese Prüfungen überstanden haben oder vergleichbare Zertifikate vorweisen und somit in die EcoTopTen aufgenommen sind, können alle als "sehr gut" eingestuft werden.

Doch auch bei diesen Toptarifen stellt sich die Frage: Gibt es im Firmenverbund des Anbieters Unternehmen, die konventionellen Strom aus Quellen wie Atomenergie oder Kohle verkaufen? Mit Firmenverbund meinen wir nicht nur im (aktien-)rechtlichen Sinne "verbundene Unternehmen", sondern auch Strukturen wie bei Susi-Energie. Die Firma ist eine 100-prozentige Tochter der Technischen Werke Schussental GmbH & Co. KG. Die gehören zu 42,7 Prozent den Stadtwerken Ravensburg, zu 32,2 Prozent den Stadtwerken Weingarten und zu 25,1 Prozent der EnBW Kommunale Beteiligungen GmbH, die 100-prozentige Tochter der EnBW ist. Der Atomkonzern ist mithin die Urgroßmutter. Deshalb hat ÖKO-TEST alle bundesweit angebotenen Tarife der aktuellen EcoTopTen noch einmal genau unter die Lupe genommen.

Das Testergebnis

Sehr gut reicht oft nicht. Von den 28 bundesweiten Öko-Stromangeboten der EcoTopTen, die im Tarif alle als "sehr gut" eingestuft sind, erhalten 16 auch das Gesamturteil "sehr gut". Nur diese Unternehmen verkaufen ausschließlich Öko-Strom nach den strengen Qualitätskriterien der EcoTopTen und sind zudem nicht mit konventionellen Anbietern verflochten.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Die Auswahl
Grundlage für den Test waren die bundesweit verfügbaren Öko-Stromangebote, die EcoTopTen des Öko-Instituts empfiehlt.

Die Ökologie
Der Tarif soll einen ökologischen Zusatznutzen aufweisen, der über die Anforderungen des EEG hinausgeht. Das bedeutet beispielsweise, dass die Anbieter rund ein Drittel des verkauften Öko-Stroms aus Erneuerbare-Energien-Anlagen beziehen, die nicht älter als sechs Jahre sind. Alternativ können sie auch einen bestimmten Teil des Strompreises in den Ausbau von regenerativer Stromerzeugung investieren. Der Nachweis zur Einhaltung der ökologischen Mindestkriterien kann durch eine gültige Zertifizierung mit dem Ok-Power-Label oder dem Grüner Strom Label Gold erfolgen. Alternativ kann die Einhaltung durch unabhängige und fachkundige Gutachter zertifiziert werden.

Die Ökonomie
Die jährlichen Gesamtkosten der Öko-Stromangebote dürfen maximal 20 Prozent teurer als der Durchschnittspreis für konventionelle Stromangebote sein. Die Preisangaben basieren auf Herstellerangaben. Die Preise können teilweise, je nach Verbrauchsmenge und Postleitzahlengebiet, variieren.

Das konventionelle Stromangebot
Hier wurde erfasst, ob der Anbieter selbst neben zertifiziertem Öko-Strom noch mit konventionellen Produkten am Markt ist und/oder das bei einer Firma aus seinem Firmenverbund der Fall ist. Zudem interessierte uns der Strommix dieser Angebote.

Die Unternehmensstruktur
Hier wurde untersucht, ob die Anbieter unabhängig oder im Eigentum oder Miteigentum anderer Unternehmen sind. Ebenso, welche Unternehmen zum Firmenverbund gehören.

Die Bewertung
Wer sich für grünen Strom entscheidet, will etwas für die Umwelt tun. Daher soll das Geld - auch nicht zum Teil - nicht bei Firmen landen, die nebenbei oder sogar hauptsächlich konventionellen Strom verkaufen oder konventionellen Anbietern (teilweise) gehören. Für die Angebote solcher Firmen kann es kein "sehr gut" geben. Noch strenger sind wir, wenn dem konventionellen Angebot Atomstrom beigemixt wird oder ein AKW-Eigner/-Betreiber Teil des Firmenverbunds des Anbieters ist.