Antischimmelfarben im Test: Die meisten enthalten bedenkliche Biozide

Magazin März 2025: Schwarzer Pfeffer | Autor: Timm Knautz/Annette Dohrmann/Rebecca Welsch | Kategorie: Bauen und Wohnen | 27.02.2025

Antischimmelfarbe im Test: Welche ist Testsieger?
Foto: Aemaloha/Shutterstock; gustavomellossa/Shutterstock

Wandfarben mit schimmelhemmenden Zusätzen sollen verhindern, dass sich die schwarzen Flecken in Innenräumen ausbreiten. Allerdings holt man sich mit den Produkten andere unerwünschte Mitbewohner ins Haus. Unser Test zeigt: Viele Antischimmelfarben enttäuschen. 

  • Im Test: 18 weiße Antischimmel- beziehungsweise Feuchtraumfarben für Bad oder Küche, die wir in Bau-, Möbelmärkten oder Fachgeschäften eingekauft haben.
  • Der Preis lag – umgerechnet auf eine Fläche von einem Quadratmeter – zwischen 50 Cent und 3,68 Euro.
  • Enttäuschend: Die meisten Antischimmelfarben im Test enthalten bedenkliche Pestizide. 
  • Wer dennoch Antischimmelfarbe verwenden möchte, sollte eine ohne Zinkpyrithion oder Terbutryn wählen.

Schimmel in der Wohnung – das ist eine unangenehme Überraschung. Denn die schwarzen Flecken in Zimmerecken, an Fensterlaibungen, Badezimmerfugen oder hinter Möbelstücken sind nicht nur unansehnlich, sondern können handfeste gesundheitliche Folgen nach sich ziehen: So werden Schimmelpilze etwa in Zusammenhang mit Atemwegsbeschwerden, Allergien und Asthma gebracht.

Antischimmelfarben im Test enttäuschen

Klar, dass man die unerwünschten Mitbewohner so schnell wie möglich loswerden und verhindern will, dass sie sich erneut in den eigenen vier Wänden breitmachen. Baumärkte bieten für das Problem eine scheinbar einfache Lösung: spezielle Wandfarben mit schimmelhemmender Wirkung. Wir wollten genauer wissen, was in solchen Anstrichen steckt und haben 18 davon analysieren lassen.

Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: Viele Antischimmelfarben fallen im Test durch. Das Problem: Bei den als Antischimmel-, Feuchtraum- oder Bad- und Küchenfarbe bezeichneten Produkten handelt es sich meist um Dispersionsfarben mit bioziden Zusätzen, die das Wachstum von Schimmelpilzen unterdrücken sollen. Doch durch die sogenannte Filmkonservierung holt man sich andere Probleme ins Haus.

Antischimmelfarben im Test enthalten Biozide

Eins dieser Probleme ist Zinkpyrithion, es steckt in zwölf Produkten. Der biozide Wirkstoff ist in der EU als vermutlich reproduktionstoxisch beim Menschen eingestuft, kann also die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und die Entwicklung ungeborener Kinder. In Kosmetika ist der Stoff seit 2021 verboten. Wir werten Zinkpyrithion, das zudem als sehr giftig für Wasserorganismen gilt, um zwei Noten ab.

Ebenso streng bewerten wir Terbutryn. Terbutryn ist ein Herbizid, das als Pflanzen­schutzmittel in der EU nicht mehr zugelas­sen ist. Es hat in verschiedenen Organismen hormonähnliche und lebertoxische Effekte gezeigt und kann bei Hautkontakt zu aller­gischen Reaktionen führen.

Weitere gängige Biozide in Innenraumfarben sind auch: 

  • Octylisothiazolinon (OIT)
  • Iodpropinylbutylcarbamat (IPBC)

Zwar können auch diese beide Substanzen Allergien auslösen und sind als langfristig gewässergefährdend ein­gestuft. Doch obwohl wir von der Verwendung biozidhaltiger Wandfarben abraten, werten wir OIT und IPBC als funktionsgebende Komponenten in Antischimmelfarben nicht ab.

Dabei orientieren wir uns an der Wiener Umweltanwaltschaft, die beiden Verbindun­gen den Vorzug vor anderen bioziden Wirk­stoffen gibt: OIT und IPBC sind demnach leichter abbaubar und hätten kein krebserre­gendes, erbgut-oder fruchtschädigendes Potenzial.

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Allergieauslösende Isothiazolinone überschreiten Spurengehalte

Neben OIT wies das Labor in allen Produkten weitere Isothiazolinone nach. Die stecken vermutlich als Topfkonservierer in den Far­ben, sollen also verhindern, dass diese in den Behältern vergammeln. Isothiazolinone gelten als stark allergieauslösend.

Nach den Kriterien des Umweltzeichens Blauer Engel dürfen sie in emissionsarmen Wandfarben höchstens in Spuren nachweisbar sein. Für die häufig kombiniert eingesetzten Verbin­dungen Benzisothiazolinon (BIT), Methylisothiazolinon (MIT) und Chlormethylisothiazolinon (CIT) orientieren wir uns an diesen Spurengehalten. Alle Farben über­schritten mindestens einen dieser Werte.

Kritisch sehen wir auch das Konservie­rungsmittel Bronopol. Die halogenorgani­sche Substanz kann die Haut reizen, die Augen schwer schädigen – und ist sehr giftig für Wasserorganismen.

Was ist das Problem an Bioziden in Antischimmelfarben?

Doch was sagen Experten zur Verwendung von Bioziden in Antischimmelfarben? Der Sachverständige Dr. Manfred Mierau jedenfalls rät auf Anfrage von ÖKO-TEST "aus baubiologischer Sicht strikt von der Verwendung solcher Farben" ab. Denn durch Ausgasen oder Abrieb könnten die Biozide freigesetzt werden und zu gesundheitlichen Risiken führen.

Er bezweifelt auch, dass schimmelhemmende Farben langfristig wirken, da viele biozide Wirkstoffe flüchtig sind. "Mir sind in der Praxis immer wieder Fälle begegnet, in denen nach einiger Zeit doch wieder Schimmel wuchs." Auch das Umweltbundesamt spricht sich gegen Biozide als Zusatz in schimmelhemmenden Wandfarben für Wohnräume aus.

Flüchtige organische Verbindungen in Antischimmelfarben im Test

Doch nicht nur Biozide sind ein Problem in Antischimmelfarben im Test. Ein weiterer Kritikpunkt sind flüchtige organische Verbindungen (VOC). Sieben Antischimmelfarben dünsteten im Labor eine aus unserer Sicht "erhöhte" Menge an VOC aus.

Die Verbindungen, darunter Form­aldehyd und Hunderte weitere Substanzen, reizen die Atemwege und Schleimhäute, können zu Unwohlsein und Kopfschmerzen führen sowie Allergien begünstigen. Aus drei Produkten entweichen zudem mehr VOC als auf der Verpackung ausge­lobt.

Das werten wir ebenso als Deklarationsmangel wie die Angabe "lösemittel­frei" auf drei Farben, in denen mehr als 700 Mikrogramm pro Kilogramm flüchtige organische Verbindungen gemessen wurden. Diesen Höchstgehalt sollten Far­ben nicht überschreiten, wenn sie gemäß einer Richtlinie des Verbands der deut­schen Lack- und Druckfarbenindustrie als "lösemittelfrei" bezeichnet werden.

Tipps: So geht es auch ohne Pestizide

Mineralfarben benutzen: Eine ökologische Alternative zu Antischimmelfarben sind Mineralfarben wie Silikat- und Kalkfarben. Sie enthalten keine bedenklichen Biozide, sondern wirken aufgrund ihres hohen pH-Werts schimmelhemmend. Silikat- und Kalkfarben sind zudem diffusionsoffen, nehmen also Feuchtigkeit aus der Raumluft auf und geben sie wieder ab. Dieser Austausch macht es Schimmelsporen schwer, sich einzunisten.

Allerdings haben die Mineralfarben auch Nachteile: Sie sind aufwendiger und komplizierter in der Anwendung und in der Regel auch teurer als herkömmliche Dispersionsfarben. Kalkanstriche sind außerdem nicht wisch- und abriebfest und müssen in besonders feuchten Räumen wie Kellern regelmäßig erneuert werden, da sich ihr pH-Wert mit der Zeit verschiebt.

Schimmel vorbeugen: Wenn der Schimmel nicht auf Wasserschäden oder Baumängel zurückgeht, liegt es oft an unsach­gemäßem Lüften, unzureichendem Heizen oder ungünstig aufgestell­ten Möbeln, wenn sich der fiese schwarze Belag an Wänden bildet. Um vorzubeugen, empfiehlt es sich, die Temperatur in allen Räu­men – auch wenig genutzten – auf mindestens 16 Grad Celsius zu bringen – und auch in kalten Mona­ten regelmäßig stoßzulüften, am besten dreimal täglich.

Weiterlesen auf oekotest.de: 

Wir haben diese Produkte für Sie getestet

Testverfahren

Wir haben in Bau-, Möbelmärkten oder Fachgeschäften 18 weiße Antischimmel- beziehungsweise Feuchtraumfarben für Bad oder Küche eingekauft, soweit erhältlich in der Version "matt". Sie kosten bei einem einmaligen Anstrich – umgerechnet auf eine Fläche von einem Quadratmeter – zwischen 50 Cent und 3,68 Euro.

Verschiedene Labore überprüften die Farben unter anderem auf biozide und konservierende Substanzen wie Isothiazolinone (OIT, BIT, CIT, MIT), Terbutryn, Formaldehyd und, falls deklariert, IPBC (Iodpropinylbutylcarbamat). Darüber hinaus wurde in allen Produkten der Gesamtgehalt flüchtiger organischer Verbindungen (VOC) analysiert, die ausgasen und die Raumluft belasten können. VOC wiederum untersuchte das Labor auf die als besonders besorgniserregend gelisteten Siloxanverbindungen D4, D5 und D6.

Ebenfalls Teil des Prüfschemas: bedenkliche Schwermetalle wie Blei oder Chrom. Per Deklaration erfassten wir den bioziden Wirkstoff Zinkpyrithi­on, das halogenorganische Konservierungsmittel Bronopol so­wie Mica (Glimmer). War Mica deklariert, forderten wir von den betreffenden Herstellern Nachweise über die Herkunft des Glit­zerpigments an, die ausreichend belegen, dass Kinderarbeit für dessen Abbau ausgeschlossen werden kann.

Darüber hinaus prüften wir die Verpackungen der Farben auf unzutreffende Auslobungen sowie wichtige Warn-, Sicherheits- und Anwen­dungshinweise und schauten, ob online ein Technisches Daten­blatt abrufbar ist. Die Farbeimer ließen wir auf umweltbelastende chlorierte Ver­bindungen wie PVC analysieren. Außerdem fragten wir die Anbieter, ob und, wenn ja, wie viel Post-Consumer-Rezyklat (PCR) sie für die Kunststoffbehälter einsetzen, und ließen uns entsprechende Belege zusenden.

Bewertungslegende

Soweit nicht abweichend angegeben, handelt es sich bei den hier genannten Abwertungsgrenzen nicht um gesetzliche Grenzwerte, sondern um solche, die von ÖKO-TEST festgesetzt wurden. Die Abwertungsgrenzen wurden von ÖKO-TEST eingedenk der sich aus spezifischen Untersuchungen ergebenden Messunsicherheiten und methodenimmanenter Varianzen festgelegt. Steht bei konkret benannten Analyseergebnissen "nein", bedeutet das "unterhalb der Bestimmungsgrenze" der jeweiligen Testmethode. Bei Richt- und Orientierungswerten handelt es sich um rechtlich nicht bindende Werte, die eingehalten werden sollten, während rechtlich bindende Grenzwerte eingehalten werden müssen.

Bewertung Testergebnis Inhaltsstoffe: Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führen zur Abwertung um jeweils zwei Noten: a) ein gemessener Gehalt an CIT von mehr als 0,5 mg/kg und/oder ein gemessener Gehalt an MIT von mehr als 1,5 mg/kg und/oder ein gemessener Gehalt an BIT von mehr als 10 mg/kg (in Anlehnung an den Blauen Engel); b) Terbutryn; c) Zinkpyrithion. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) ein gemessener Gesamtgehalt an flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) von mehr als 1 bis 10 g/l (in Tabelle: "erhöht"); b) Bronopol.

Bewertung Testergebnis Weitere Mängel: Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führen zur Abwertung um jeweils zwei Noten: a) fehlende Wirkstoffangabe auf Verpackung und in Datenblatt; b) die Deklaration "lösemittelfrei" bei einem gemessenen VOC-Gehalt von 700 mg/kg oder mehr; c) keine konkreten Angaben zu Herkunft, Hersteller und/oder Lieferkette des im Produkt eingesetzten Micas. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) ein Anteil von Rezyklaten (Post-Consumer-Rezyklat, PCR) von weniger als 30 Prozent in Relation zum Gesamtgewicht der Kunststoffverpackung, keine Angabe hierzu oder kein ausreichender Nachweis auf unsere Anfrage hierzu; b) keine Allergikerhotline auf der Verpackung; c) mindestens zwei fehlende Gefahren- oder Sicherheitshinweise auf der Verpackung ("Für Kinder unzugänglich aufbewahren", "Bei Spritzgefahr Schutzbrille tragen", "Während der Verarbeitung und Trocknung für gründliche Belüftung sorgen", "Essen, Trinken und Rauchen während des Gebrauchs der Farbe ist zu vermeiden", "Bei Berührung mit den Augen oder der Haut sofort gründlich mit Wasser abspülen", "Nicht in die Kanalisation, Gewässer oder Erdreich gelangen lassen", "Nur restentleerte Gebinde zum Recycling geben. Materialreste können eingetrocknet als Hausmüll entsorgt werden" oder ähnliche Formulierungen; d) unvollständige Inhaltsangabe auf der Verpackung (vollständige Inhaltsangabe nur im Technischen Datenblatt); e) deklarierter maximaler VOC-Gehalt liegt unter dem im Labor gemessenen VOC-Gehalt.

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "mangelhaft" oder "ungenügend" ist, verschlechtert das Teilergebnis Inhaltsstoffe um zwei Noten. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "befriedigend" oder "ausreichend" ist, verschlechtert das Testergebnis Inhaltsstoffe um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "gut" ist, verschlechtert das Teilergebnis Inhaltsstoffe nicht. Die Preisberechnung basiert auf der kleinsten verfügbaren Gebindegröße und der vom Hersteller angegebenen durchschnittlichen Ergiebigkeit. Aus rechtlichen Gründen weisen wir darauf hin, dass wir die von den Herstellern versprochene Wirkung der Produkte nicht überprüft haben.

Testmethoden

Flüchtige organische Verbindungen: ISO 11890-2, gaschromatographisches Verfahren für VOC >0,1 und <15%. Modifikation: aufgrund der nicht bekannten Verbindungen wurde auf einen internen Standard verzichtet, die Proben wurden dafür mittels Doppelbestimmung und unterschiedlichen Extraktionsmitteln (Methanol und Aceton) untersucht.

Screening Flüchtige organische Verbindungen: Quantifizierung über Toluol.

Isothiazolinone: Extraktion bei Raumtemperatur im Ultraschallbad für 1h mit Methanol, Messung HPLC.

Formaldehyd: VdL-RL 03: 2018-02 (saure Wasserdampfdestillation) Fotometrie.

IPBC (3-lod-2-propinylbutylcarbamat): Extraktion mit organischem Lösemittel, Messung mit GC/MS.

Terbutryn: Extraktion mit organischem Lösemittel, Messung mit GC/MS.

Elementaranalyse (inkl. Silberchlorid): DIN EN ISO 17294-2:2024-03 Abweichend für Hg: Absicherung mittels DIN EN ISO 17852:2008-04.

PVC/PVDC/ chlorierte Verbindungen: Bestimmung auf PVC / PVDC /chlorierte Kunststoffe mittels Röntgenfluoreszenzanalyse.

Einkauf der Testprodukte: November bis Dezember 2024

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