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ÖKO-TEST Juli 2017
vom

Schokolade, Mineralöl

Wie geschmiert

Aldi-Schokolade ist in China mit Mineralöl belastet - das fanden wir für unsere Schwesterredaktion in Peking heraus. Keine Frage, dass wir auch in Deutschland Schokolade eingekauft und ins Labor geschickt haben. Und? Ist die genauso bedenklich? Unser Test von 40 Schokoladen ergab: Leider ja!

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29.06.2017 | Da blieben die Champagnerkorken wohl erst einmal in der Flasche: Pünktlich zur Eröffnung des ersten Internet-Aldi-Marktes in China im April hat ÖKO-TEST für seine chinesische Schwesterredaktion OKOer in Peking herausgefunden, dass die Schokolade, die der Discounter in China verkauft, fast durchweg mit Mineralöl belastet ist. In Deutschland bietet Aldi Süd die gleichen Marken in gleichen Verpackungen vom selben Hersteller an, die wir natürlich auch sofort ins Labor geschickt haben. Das Ergebnis: Auch die ist mit Mineralöl verunreinigt. Allerdings ist das kein reines Aldi-Problem. Es ist ein Schokoladenproblem. Aber zunächst einmal: Darum geht es.

Was ist Mineralöl?

Mineralölkohlenwasserstoffe stammen in erster Linie aus Rohöl. Sie werden auch synthetisch etwa aus Kohle oder Erdgas hergestellt. Es handelt sich dabei um eine sehr uneinheitliche Gruppe von Stoffen, die Tausende von chemischen Verbindungen umfasst. Unterteilt werden sie in zwei Hauptgruppen: die gesättigten Mineralölkohlenwasserstoffe, die MOSH - das steht für "mineral oil saturated hydrocarbons" - und die aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffe, sogenannte MOAH. Diese Abkürzung steht für "mineral oil aromatic hydrocarbons". In der Analytik nicht ganz einfach von den MOSH zu trennen sind die "polyolefin oligomeric saturated hydrocarbons" (POSH), die aus bestimmten Kunststoffverpackungen auf Lebensmittel übergehen können.

Wie gefährlich ist Mineralöl?

Weil es um viele unterschiedliche Verbindungen geht, gibt es auf diese Frage keine einfache Antwort. Klar ist, dass MOSH sich in Lymphknoten, Leber, Milz und Fettgewebe anreichern und Organe schädigen können - im Tierversuch haben Wissenschaftler Schäden an Leber und Lymphknoten nachgewiesen. MOAH sind noch bedenklicher: In dieser Gruppe befinden sich Substanzen, die in geringsten Mengen Krebs erregen können. Definitiv unter Krebsverdacht steht die Gruppe der aromatischen Kohlenwasserstoffe, deren chemischer Aufbau aus drei bis sieben Ringsystemen besteht, sagt die oberste europäische Lebensmittelbehörde Efsa. Den Umkehrschluss, dass die übrigen Verbindungen unbedenklich seien, ziehen daraus aber nur besonders mutige Lebensmittelhersteller. Von den Behörden will sich keiner so weit aus dem Fenster lehnen: Die mangelnde Studienlage, die Komplexität der Gemische - so einfach sei das nicht zu beurteilen, sagen die europäische Efsa und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) auf Nachfrage von ÖKO-TEST. Auszuschließen sei ein "kanzerogenes Potenzial" auch nicht bei MOAH mit weniger als drei Ringsystemen. Die Forderung lautet, und so deutlich formuliert das BfR selten: "Es sollte kein nachweisbarer Übergang von MOAH auf Lebensmittel stattfinden."



Wie kommt Mineralöl in unser Essen?

Die Verpackung von Lebensmitteln ist einer der Haupteintragswege für Mineralöl. Kartonverpackungen sind besonders kritisch, wenn sie aus Altpapier bestehen, das Mineralöl aus Druckfarben enthält. Einige wenige Lebensmittelhersteller verwenden noch mineralölhaltige Druckfarben zum Bedrucken ihrer Verpackungen oder mineralölhaltige Kleber. So kann Mineralöl aus der Verpackung entweder durch direkten Kontakt oder über die Luft auf die Lebensmittel übergehen. Wenn die Lebensmittel nicht ausreichend vor Übergängen geschützt sind, können auch Umkartons, die beim Transport oder für die Lagerung im Supermarkt verwendet werden, eine Eintragsquelle sein.

Verpackungen sind aber nur eine Möglichkeit von vielen. Nehmen wir das Beispiel Schokolade: Händler schicken getrocknete Kakaobohnen nach der Ernte oft in Jute- oder Sisalsäcken auf die lange Reise mit dem Schiff nach Europa. Die Fasern der Säcke sind meist mit Ölen behandelt, die wiederum Mineralöl enthalten können. Die Kakaobohnen können aber auch an anderen Stellen mit Mineralöl in Kontakt kommen: durch Erntemaschinen etwa oder durch Schmieröle, die in der maschinellen Produktion eingesetzt werden.

Was kann die Lebensmittelindustrie tun?

Auf mineralölhaltige Druckfarben verzichten, was die meisten Lebensmittelhersteller inzwischen auch tun. Wenn sie Altpapier für die Verpackung verwenden, müssen sie die Lebensmittel durch eine sogenannte "funktionelle Barriere" schützen - also durch eine zusätzliche Umverpackung oder eine Beschichtung der Umverpackung, die den Übergang verhindert. Außerdem muss die Lebensmittelindustrie Mineralöleinträge in der Produktion etwa durch Jute- und Sisalsäcke oder Schmieröle erkennen und stoppen. Im Fall der Schokolade können auch weitere Zutaten wie Milchpulver oder Nüsse mit Mineralöl verunreinigt sein. Auch hier müssen die Hersteller ansetzen.

Was tut der Gesetzgeber?

Erst wenig, dann fast gar nichts. Es gibt weder auf europäischer noch auf nationaler Ebene Grenzwerte für diese Verunreinigungen. In Deutschland werden auf Bundesebene zwar regelmäßig Entwürfe zur Änderung der sogenannten Bedarfsgegenständeverordnung vorgelegt, zuletzt im März. Zunächst waren noch Grenzwerte für MOSH und MOAH geplant. Im neuen Entwurf wird ein Grenzwert für MOSH schlicht nicht mehr erwähnt. Huch. Vergessen? Nein, teilt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) auf Nachfrage mit. Der Grund sei allerdings nicht, dass MOSH gesundheitlich unbedenklich seien. Allein technisch-analytische Schwierigkeiten bei der Bestimmung seien Ursache für das Wegfallen der MOSH-Grenzwerte.

Ein weiteres Unding: Der geplante Grenzwert soll nur für jene MOAH-Rückstände gelten, die aus Altpapierverpackungen übergehen. MOAH, die im Produktionsprozess oder durch andere Verpackungen eingebracht werden, sind von der Regulierung nicht betroffen. Gute MOAH, schlechte MOAH? Nein, so weit geht das BMEL nicht. "Das bedeutet nicht, dass Einträge aus anderen Quellen ,akzeptabel' seien", teilt das Bundesministerium mit: "Im Gegenteil sieht das BMEL auch hinsichtlich des Eintrags aus anderen Quellen Handlungsbedarf." Und? Handelt das Ministerium? Nun ja. Es "hat sich daher in der Vergangenheit mehrfach an die EU-Kommission gewandt, da das Kontaminantenrecht weitreichend auf EU-Ebene harmonisiert ist." Aha. Politisches Pingpong, kennen wir schon - raten Sie mal, was die EU dazu sagt: Die Datenlage sei noch nicht ausreichend, zunächst müssten die Mitgliedsstaaten erst einmal Daten liefern.



Das Testergebnis

... ist eine schmierige Sache: Alle 40 Schokoladen im Test enthalten MOSH, jede vierte zudem die unter Krebsverdacht stehenden MOAH. Nur eine einzige Schokolade ist aus unserer Sicht unbedenklich, weil sie nur minimal mit Mineralöl verunreinigt ist.

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Ob weiß, Zartbitter oder Vollmilch: Schokolade sollte es sein. Verschiedene Sorten in verschiedenen Verpackungen sind in unserem Einkaufskorb gelandet - mit oder ohne den Zusatz von Nüssen, Mandeln und Co. Um alle wichtigen konventionellen und Bio-Marken zu untersuchen, haben wir 40 Schokoladen eingekauft.

Die Inhaltsstoffe
Rückstände von Mineralölkohlenwasserstoffen finden die von uns beauftragten Labore in immer mehr Lebensmitteln. Zu Beginn standen besonders trockene Lebensmittel in Kartonverpackungen unter Verdacht. Dann kamen Grillwürstchen, Fleischersatz und Öle hinzu. In der Schokoladenproduktion gibt es an vielen Stellen Eintragswege für MOSH und MOAH: Vom Transport der Kakaobohnen in behandelten Jutesäcken über Schmieröle, die in der Produktion eingesetzt werden, hin zu Verpackungen und Umverpackungen bei Transport und Lagerung. Deswegen haben wir ein Labor beauftragt, nach Rückständen von gesättigten und aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffen in Schokolade zu fahnden.

Die Bewertung
Ein Gesamturteil vergeben wir nicht, weil wir die Schokoladen ausschließlich auf Mineralöl, nicht etwa auf Cadmium oder andere Schadstoffe, haben untersuchen lassen. Deswegen gibt es keine Noten, sondern ein "Testergebnis Mineralöl", das die Belastung der Schokoladen in Stufen bewertet. "Extrem belastet" ist ein Produkt mit einem sehr stark erhöhten Gehalt an MOSH und dem zusätzlichen Nachweis von MOAH. "Nicht belastet" ein Produkt, in dem ausschließlich MOSH und die auch nur in Spuren sind.

So haben wir getestet

Die Mineralölgehalte der Schokoladen haben wir im Labor bestimmen lassen.

Video zum Thema

Video

ÖKO-TEST-Magazin 7/2017:

Schokolade

Wie geschmiert.

Mineralöl in Schokolade? Hat da eigentlich nichts zu suchen. Trotzdem steckt es drin. Die Verpackung von Lebensmitteln ist einer der Haupteintragswege für Mineralöl. Besonders wenn sie aus Altpapier besteht, das Mineralöl aus Druckfarben enthält. Aber auch die Kakaobohnen können mit Mineralöl in Kontakt kommen: durch Erntemaschinen, durch Schmieröle, die in der maschinellen Produktion eingesetzt werden, oder durch den Transport in Jute- oder Sisalsäcken, deren Fasern meist mit Ölen behandelt sind. Wir haben 40 Schokoladen diesbezüglich unter die Lupe genommen.