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ÖKO-TEST November 2017
vom

Chicken Nuggets

Qual global

Wenn Chicken Nuggets goldgelb gebräunt auf dem Teller landen, erinnert nichts an die Hühner, die dafür in Brasilien, Thailand oder Europa in engen Ställen gelitten haben. Unser Test zeigt: Antibiotikaresistenzen, Fettschadstoffe und Mineralöl sind weitere Gründe, die Finger von den Nuggets zu lassen.

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26.10.2017 | Die Geschichte von Chicken Nuggets ist global. Und wenn man sie aufschreiben will, ist es das Schwierigste, den Fokus zu setzen. Sollen wir uns mit dem Leid der Hühner in den engen Ställen befassen, in denen sie in weniger als 40 Tagen auf mehr als zwei Kilo hochgemästet werden? Sollen Antibiotika das Thema sein, die die Hühner massenhaft bekommen, weil diese Haltungsbedingungen sie krank machen? Oder befassen wir uns mit den antibiotikaresistenten Keimen, die sich deswegen entwickeln und die über das Fleisch der Tiere auch auf unseren Tellern landen? Aber was ist dann mit dem Irrsinn, dass in unseren Chicken Nuggets Fleisch aus Thailand, Brasilien und der Ukraine steckt, weil Fleisch dort noch billiger ist als unser Billigfleisch? Oder sollte unser Thema sein, dass wir selbst in Chicken Nuggets nur Brustfleisch essen und unser Hunger auf dieses Brustfleisch Kleinbauern in Afrika die Existenz zerstört, weil unser "Fleischmüll" - Flügel, Hälse, Schenkel, Innereien - als Noch-billigeres-Billigfleisch in die ärmsten Länder der Welt verschifft wird, um dort mit skrupellosen Dumpingpreisen die lokalen Märkte kaputt zu machen? Wo fangen wir an, wo hören wir auf?

Die Geschichte der Hühner ist eine Geschichte globaler Qual. Wir wollen sie erzählen - anhand eines Chicken Nuggets aus "reinem Hähnchenbrustfleisch". In diesem, unserem, Chicken Nugget steckt Formfleisch, also sehr stark zerkleinertes, vermischtes und dann in Form gepresstes Fleisch. Nichts Schlimmes, aber eben von der Fleischqualität her auch kein Filet. Im Grunde wäre es völlig egal, ob in diesem Formfleisch nur Brustfleisch steckt, oder ob auch Flügel und Schenkel verarbeitet würden. Aber dann könnte der Hersteller nicht mehr "aus reinem Brustfleisch" auf die Verpackung schreiben - was fettarm und gesund wirkt. Angesichts der fetten Panade, die das Fleisch umgibt, natürlich eine Farce, die aber offenbar zieht.

Das Brustfleisch für unser Chicken Nugget bezieht der Hersteller gerne von dort, wo er es am billigsten bekommt. Natürlich ist die "Produktion" der "Ware", also das Aufziehen, Schlachten und Zerlegen von Hühnern, in Europas Massentierhaltung billig. Aber in Brasilien, der Ukraine oder Thailand ist sie eben noch billiger. Weil die Menschen in den Schlachthöfen noch schlechter bezahlt werden und noch länger arbeiten. Und weil die Gesetze zur Tierhaltung in vielen Ländern noch lascher sind oder weniger kontrolliert werden. Denn, so häufig wir die Massentierhaltung in der EU auch kritisieren: Dieser niedrige Standard ist nach dem der Schweiz der höchste.

In unserem Chicken Nugget steckt nun also Brustfleisch von brasilianischen und deutschen Hühnern. Die brasilianischen Hühner leben sogar tatsächlich oft in offenen Ställen mit Tageslicht und haben mehr Platz, einfach weil die klimatischen Bedingungen höhere Besatzdichten nicht zulassen. Die Tendenz geht aber auch in Brasilien immer mehr zu "geschlossenen Systemen", wie Paola Rueda, Agrarexpertin von der Tierschutzorganisation "World Animal Protection" in Brasilien, kritisiert. Die Hauptprobleme seien, wie auch in Europa: "hohe Besatzdichten und schnellwachsende Rassen". Ob nun in Brasilien oder Deutschland aufgezogen: Die Hühner hatten in ihrem kurzen Leben wenig Freude. 30 bis 40 Tage lebt ein Masthuhn für gewöhnlich bis zu seiner Schlachtung. In diesen 30 bis 40 Tagen sieht das deutsche Huhn aus Nicht-Bio-Haltung nur eins: seinen Stall. Tageslicht erblickt es erst auf dem Weg zum Schlachthof, Auslauf hat es keinen. Wenn es schlüpft, wiegt das Küken gut 40 Gramm. Gut 30 Tage später sind es zwei Kilo oder mehr. Das ist eine Verfünfzigfachung seines Geburtsgewichts in einem Monat. "Natürlich" ist das nicht; das geht nur, weil es sich bei den Hühnern, die in unserem Chicken Nugget stecken, um extrem schnellwachsende Rassen mit den Namen "Ross 308" und "Cobb 500" handelt. Das schnelle Wachstum und die Züchtung auf möglichst viel teures Brustfleisch fordern ihren Tribut: "Durch die Überzüchtung auf immer mehr Fleisch können sich die Tiere nach kurzer Zeit kaum mehr bewegen", sagt Agrarwissenschaftlerin Lisa Wittmann von der Tierschutzorganisation PETA. Und weiter: "Knochen können sich unter dem unnatürlichen Gewicht verformen und die Gelenke schmerzen nicht selten bei jedem Schritt." Auch die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt sieht die Züchtungen kritisch: "Verletzungen, Lahmheiten und Verhaltensabweichungen wie eine eingeschränkte Bewegungsaktivität sind nur einige der Folgen", sagt Marietheres Reinke, Tierärztin bei der Tierschutzorganisation.

Mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus kann man feststellen, dass die Züchter der eingeschränkten Bewegungsaktivität entgegenkommen: Die Hühner bekommen ohnehin keinen Platz. 39 Kilo Lebendgewicht pro Quadratmeter sind in Deutschland in der konventionellen Hähnchenmast erlaubt. Das klingt erst einmal abstrakt, lässt sich aber leicht verdeutlichen: Je nach Gewicht teilen sich am Ende der Mast etwa 20 Hühner einen einzigen Quadratmeter Stallboden. Das ist weniger als diese ÖKO-TEST-Seite pro Huhn.

In den engen Ställen stehen die Hühner auf ihrem eigenen Mist. Und weil die Ställe für gewöhnlich nicht oft frisch eingestreut werden, verschlechtert sich die Qualität der Einstreu von Tag zu Tag. Natürlich machen diese Haltungsbedingungen die Hühner krank. Und weil es billiger ist, sie mit Medikamenten zu behandeln, als die Ursache - die Haltungsbedingungen - zu ändern, bekommen sie Antibiotika und Kokzidiostatika. Letztere sind Mittel gegen die Kokzidiose, eine häufige parasitäre Erkrankung von Hühnern, mit der sie sich über die Aufnahme von kotverschmutztem Futter infizieren. In unserem Chicken Nugget sind diese Medikamente nicht nachweisbar, weil die Hühner sie schnell abbauen und es gesetzliche Wartefristen bis zur Schlachtung gibt. Was aber nachweisbar ist, sind antibiotikaresistente Keime - eine Folge der massenhaften Antibiotikagabe. Der Zusammenhang, vereinfacht dargestellt: Je mehr Antibiotika im Tierfutter landen, desto mehr antibiotikaresistente Keime bilden sich und desto mehr Antibiotika verlieren ihre Wirksamkeit.

Aber zurück zu unserem Chicken Nugget aus deutschem und brasilianischem Brust-Formfleisch. Nachdem die Tiere mit Gas oder im Elektrobad betäubt und dann maschinell per Halsschnitt getötet wurden, werden sie zerlegt. Das Brustfleisch der Hühner schicken die brasilianischen Händler nach Deutschland, wo es gemeinsam mit anderem Brustfleisch, von bis zu Hunderttausenden anderen Hühnern aus Deutschland, getumbelt und in Form gepresst wird, zu unserem Chicken Nugget aus reinem Brustfleisch.

Stellen wir uns nun also die Frage: Was passiert mit dem "Rest" des Huhns? Ein kleiner Teil findet auch Abnehmer in Europa - etwa als Chicken Wings oder Schenkel. Da wir aber viel mehr Brustfleisch als Schenkel und Flügel essen, landet der "Rest", also Flügel, Schenkel, Innereien, in Afrika. Das gefrorene Fleisch bieten die Händler etwa in Benin, Ghana, Liberia oder im Kongo zu Dumpingpreisen an, mit denen die lokalen Bauern nicht mithalten können. Die lokale Landwirtschaft geht daran kaputt, die Bauern geben auf. Dramatisch entwickelt hätten sich die Exporte ab dem Jahr 2000, sagt Francisco Marí, Agrarhandelsexperte bei Brot für die Welt. Damals hat die EU wegen des BSE-Skandals das Verfüttern von Tiermehl in der Mast verboten. Die Herstellung von Futtermehl war und ist also keine einträchtige Alternative mehr - und für Abfälle müssen die Schlachthäuser Entsorgungskosten zahlen. Aber kann es sich rechnen, tiefgefrorenes Fleisch Tausende von Kilometern über einen Ozean zu verschiffen und dann zu verscherbeln? Ja, sagt Marí. Denn, 50 bis 70 Cent pro Kilo bekämen die Händler auf dem afrikanischen Markt immerhin - und dem stünden etwa 20 Cent gegenüber, die sie nicht für die Entsorgung zahlen müssten. Das Huhn finanziere sich aber schon bereits zuvor, in Europa, allein über die teure Brust, für die vor allem Verbraucherinnen bereit sind, den Geldbeutel aufzumachen.

Und unser Chicken Nugget? Das landet auf unserem Teller, goldbraun gebacken, aus reinem Hähnchenbrustfleisch. An die Hühner und ihre Qualen erinnert nichts - und Brasilien, Thailand und Afrika sind weit weg.

Wir wollten genau wissen, woher das Fleisch für unsere Chicken Nuggets stammt, wie die Hühner gelebt haben und ob das Fleisch etwa mit antibiotikaresistenten Keimen oder Fettschadstoffen belastet ist. Deswegen haben wir 14 Proben ins Labor geschickt und von den Herstellern einen umfangreichen Fragebogen beantworten lassen.

Das Gesamturteil

Chicken Nuggets? Lieber nicht: Antibiotikaresistente Keime, Fettschadstoffe, Mineralöl, außerdem miserable Bedingungen, unter denen die meisten Hühner gelebt haben: Kein einziges Produkt schafft es auf ein "sehr gut" oder "gut". Die besten Produkte schneiden, was die Inhaltsstoffe betrifft, mit einem "befriedigend" ab, können das aber - bis auf ein Bio-Produkt - im Gesamturteil nicht halten, weil das Testergebnis Tierhaltung und Transparenz so katastrophal schlecht ausfällt.

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Chicken Nuggets sollten es sein. Und da die meisten Produkte tiefgefroren sind, haben wir uns für elf Tiefkühlprodukte entschieden. Produkte aus ökologischer Tierhaltung gibt es nur wenige, deswegen landeten hauptsächlich Nicht-Bio-Nuggets in unserem Einkaufskorb. Und um zu erfahren, wie Mc Donald's, Kentucky Fried Chicken und Burger King im Vergleich dazu abschneiden, haben wir auch in je einer Filiale der Fast-Food-Ketten eingekauft.

Die Inhaltsstoffe
Ein Schwerpunkt der Untersuchungen lag auf Keimen. Denn obwohl die meisten Produkte vorgebraten sind, können sich Krankheitserreger oder Verderbniskeime auf und in den Chicken Nuggets bilden. Besonders bedenklich sind antibiotikaresistente Keime. Auch ob noch Antibiotikarückstände im Fleisch nachweisbar sind, hat ein von uns beauftragtes Labor untersucht. Und nachdem im Sommer das Insektizid Fipronil in Eiern steckte, haben wir auf mehr als 500 verschiedene Pestizide, darunter auch Fipronil, untersuchen lassen. Weil in der Panade pflanzliche Öle stecken, haben wir zudem auf Fettschadstoffe geprüft. Auch Verunreinigungen mit Mineralöl standen auf der Checkliste der Labore.

Die Tierhaltung/Transparenz
Wir wollten genau wissen, woher die Hühner stammen, die in den Chicken Nuggets verarbeitet sind, und wie es um ihre Haltungsbedingungen stand. Die Hersteller haben deswegen einen sehr umfangreichen Fragebogen von uns erhalten - unter anderem zur Rasse, zu den Ställen, dem Futter und den Medikamenten, die die Tiere bekommen haben. Da wir nicht glauben, sondern testen, baten wir die Hersteller um Dokumente, die ihre Angaben belegen.

Die Bewertung
Wie haben die Tiere gelebt, deren Fleisch in den Chicken Nuggets steckt? Und bemühen sich die Hersteller, diese Haltungsbedingungen transparent zu machen? Oder versuchen sie, uns mit Floskeln und Marketingsprech abzuspeisen? Beide Aspekte fließen in das Testergebnis Tierhaltung und Transparenz ein. Doch auch die Qualität muss stimmen: Antibiotikaresistente Keime, Fettschadstoffe und Mineralölrückstände führen unter den Inhaltsstoffen zu strengen Abwertungen. Auch wenn Hersteller etwa versuchen, mit viel billiger Panade den geringen Fleischanteil zu vertuschen, werten wir ab.

Video zum Thema

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ÖKO-TEST-Magazin 11/2017:

Chicken Nuggets

Qual global

Gerade bei Kindern sind Chicken Nuggets sehr beliebt. Wenn die mundgerecht portionierten, panierten und frittierten Stücke aus Hähnchenfleisch goldgelb gebräunt auf dem Teller landen, erinnert nichts mehr an die Tiere, die dafür in Brasilien, Thailand oder Europa in engen Ställen gelitten haben. Die katastrophalen Haltungsbedingungen haben aber eine Auswirkung auf die Chicken Nuggets. Darauf macht ÖKO-TEST aufmerksam, das 14 Chicken-Nuggets-Proben im Labor analysieren hat lassen. So wurden etwa antibiotikaresistente Keime gefunden. Dazu kommen aber noch Schadstoffe wie Mineralöl und Fettschadstoffe.