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ÖKO-TEST April 2017
vom

Schulranzen

Kein leuchtendes Vorbild

Sicherheit geht vor. Das sollte auch für Ranzen gelten. Allerdings haben zu wenige Modelle genügend Signalfläche. Eltern, Kinder und Hersteller achten eher auf schicke Designs. Eine Änderung der DIN-Norm, die neue Warnfarben zulässt, könnte weiterhelfen.

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30.03.2017 | Der rote Ranzen gefällt Mathilde am besten. "Das ist meine Lieblingsfarbe. Außerdem mag ich, dass da viele Blumen und ein Schmetterling drauf sind", begründet die Siebenjährige ihre Wahl. "Ich mag Natur und Tiere", springt ihr der achtjährige Vincent bei. Ihm haben es die "Schwimm-Dinos" auf einer blauen Schultasche angetan. "Das Bild vorne drauf ist das Erste, worauf ich gucke", gibt Chiara zu. Sie hat sich in die schwarze Katze auf dem lila Modell verliebt. Keinesfalls infrage komme das Star-Wars-Motiv. Levin dagegen versetzen die Stormtrooper aus der Science-Fiction-Saga in schiere Begeisterung.

Levin, Chiara, Vincent und Mathilde sind die Kinder, die für ÖKO-TEST den Experten im Praxislabor assistierten und die Schulranzen probetrugen. Die vier Grundschüler im Alter zwischen sieben und neun Jahren testeten unter anderem die Trageeigenschaften und Handhabung. Farben und Motive flossen in ihre Bewertung zwar nicht mit ein, sie sind den Kindern erfahrungsgemäß jedoch wichtiger als alle anderen geprüften Punkte.

"Das Optische spielt schon eine große Rolle", bestätigt Chiaras Mutter. "Doch an erster Stelle steht für mich der Tragekomfort." Bei Kindern sei das anders herum. "Da diskutiert man dann schon mal länger", fasst sie ihre Erfahrungen beim Ranzenkauf zusammen. Mathildes Vater hingegen lässt sich schnell von seinem Nachwuchs überzeugen: "Beim Aussuchen bestimmt meine Tochter, schließlich ist sie es, die den Ranzen täglich tragen muss", erläutert der 47-Jährige. Er schränkt jedoch ein: "Allerdings müssen die Funktionalität und die Materialeigenschaften schon stimmen." Für Levins Mutter steht noch etwas anderes ganz vorne: die optische Warnwirkung.

Eine Umfrage des Instituts für Produkt-Markt-Forschung (ipi) in Stuttgart im Auftrag von ÖKO-TEST, an der 60 Eltern und 60 Grundschüler teilnahmen, hat ergeben: Rund 60 Prozent der Eltern und Kinder wählen den Ranzen gemeinsam aus, bei rund einem Viertel tut es das Kind alleine. Die Kinder nannten Motiv, Farbe und Tragekomfort an erster bis dritter Stelle der Kaufkriterien, die Eltern Gewicht, Tragekomfort und Handhabung, erst an vierter Stelle kam die Sicherheit.

Sicherheit - nur auf Platz vier? Das Auswahlkriterium müsste eigentlich weiter vorne stehen. Denn noch immer ist die Zahl der Kinder, die auf dem Weg von oder zur Schule verunglücken, hoch. Im Jahr 2015 kam im Schnitt alle 19 Minuten ein Kind im Alter von unter 15 Jahren auf deutschen Straßen zu Schaden, wie die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen. Besonders häufig passierten die Unfälle zwischen 7 und 8 Uhr sowie 13 und 14 Uhr - also in den Zeiten, wenn sich die Schüler auf dem Weg zur Schule oder zurück befinden.

Regelmäßig zum Schuljahrbeginn machen die Deutsche Verkehrswacht und die Polizei mit Kampagnen darauf aufmerksam, wie wichtig eine ausreichende optische Warnwirkung von Ranzen ist. Doch woran erkennt man die? Eine gute Richtschnur ist die Schulranzennorm DIN 58124. Diese gibt vor, dass mindestens zwanzig Prozent der sichtbaren Flächen der Vorder- und Seitenteile des Ranzens aus fluoreszierendem und mindestens zehn Prozent aus retroreflektierendem Material bestehen. Während viele Ranzen ausreichend mit Reflektoren ausgestattet sind, fehlt es häufig an fluoreszierenden Flächen, wie auch die regelmäßigen Tests von ÖKO-TEST zeigen. Dabei sind gerade diese besonders wichtig, da Schulkinder abgesehen von der winterlichen Morgenfinsternis meist bei Helligkeit oder Dämmerung auf den Straßen unterwegs sind.

"Vielen Eltern ist gar nicht bewusst, dass die retroreflektierenden Elemente nur wirken, wenn sie in Dunkelheit direkt von Autoscheinwerfern angestrahlt werden. Tagsüber und in der Dämmerung, bei diffusen Lichtverhältnissen oder auch im Nebel, sind vielmehr die Flächen mit fluoreszierenden Farben unerlässlich, damit die Kinder besser gesehen werden", betont Wolfgang Hahn von der Beuth Hochschule für Technik in Berlin. Er ist Obmann des für Schulranzen zuständigen DIN-Normenausschusses. Fluoreszierendes Material ist bei Tageslicht selbstleuchtend. Es muss nicht erst von Autoscheinwerfern, die tagsüber ohnehin kaum Leuchtkraft besitzen, angestrahlt werden.

Nur circa die Hälfte aller Ranzen wird mit einer Sicherheitsausstattung nach DIN gekauft, so die Schätzung des Herstellers Scout auf Grundlage von internen Erhebungen. In der ipi-Umfrage rangierte das Prüfzeichen gerade einmal auf Platz acht der Kaufkriterien. Viele Eltern und Kinder wählen bewusst keinen normgerechten Ranzen - aus optischen Gründen. Denn die Schulranzen-DIN gibt nicht nur die Größe der fluoreszierenden Flächen vor, sondern auch deren Kolorierung. In der aktuell gültigen Fassung sind nur Orangerot und Gelb erlaubt. Ein Fünftel des Ranzens in diesen Farben - das ist nicht nach jedem Geschmack.

Aktuell wird die Schulranzennorm überarbeitet. Die DIN-Ausschussmitglieder beschäftigen sich unter anderem mit der Frage, ob weitere fluoreszierende Farben zugelassen werden könnten. Gelbgrün und Pink haben in einer vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung vorgenommenen Sichtbarkeitsmessung in puncto Rückstrahlwerte und Leuchtdichte gute Werte erzielt, berichtet Obmann Wolfgang Hahn. Die Aufnahme von weiteren Farben in die Schulranzennorm wäre für Eltern und Kinder eine willkommene Abwechslung - und für die Produzenten eine kommerzielle Chance. Doch die DIN ist nicht verpflichtend, sie ist nur eine Handlungsempfehlung für die Hersteller.

ÖKO-TEST hat zehn aktuelle Ranzenmodelle eingekauft und in Laboren unter anderem auf ihre Sicherheit, Handhabung, Verarbeitung und Inhaltsstoffe prüfen lassen.

Das Testergebnis

Praxis hui, Inhalt pfui. Nur ein einziges Produkt können wir insgesamt empfehlen. Ansonsten herrscht viel Mittelmaß, drei Ranzen sind "mangelhaft". Positiv aber ist: Im Testergebnis Gebrauchseignung erhalten sechs der zehn Ranzen von uns ein "sehr gut" oder "gut". Allerdings relativiert sich das durch die miserablen Ergebnisse in puncto Inhaltsstoffe. Mehr als die Hälfte erzielt hier ein "ungenügend".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Ob "Star Wars" oder "Lego Nexo Knights": Die Motive auf den Schulranzen wechseln so schnell wie die Moden, selbst wenn sich einige Formen schon seit Jahren halten. Wir haben zehn aktuelle Ranzenmodelle für Grundschüler gekauft, vorwiegend Markenartikel. Die Preise liegen meist bei mehr als 120 Euro. Das günstigste Modell erwarben wir für 69,95 Euro, das teuerste für 239,95 Euro.

Die Gebrauchseignung
Fast täglich in Gebrauch, vollbepackt, ständiges Auf- und Zuklappen: Ein Ranzen muss ganz schön was aushalten. Wir ließen die Produkte im Praxislabor nicht nur auf Stabilität, Verarbeitung und Handhabung prüfen, sondern auch auf ihre Trageeigenschaften und Ergonomie. Die Experten wurden dabei von Grundschülern unterstützt, die die Modelle probetrugen. Ganz vorne stand die Sicherheit: Sind genügend fluoreszierende Signalflächen und auch Reflektorstreifen vorhanden, damit Autofahrer die Kinder in der Dämmerung und auch bei Tageslicht besser wahrnehmen?

Die Inhaltsstoffe
In unseren früheren Tests steckten viele Ranzen voll mit bedenklichen Inhaltsstoffen. Deshalb ließen wir auch diesmal die Modelle auf ein großes Spektrum an Schadstoffen prüfen, darunter Phthalate und andere Weichmacher, zinnorganische Verbindungen, Schwermetalle, Dispersionsfarbstoffe, PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen sowie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK).

Die Bewertung
Ein Produkt sollte möglichst frei von Schadstoffen sein. Im Fall von Ranzen finden wir die Gebrauchseignung - und hier vor allem die Sicherheit - jedoch noch wichtiger. Ist ein Ranzen bei Tag schlecht sichtbar und hat nur minimale Reflektorflächen für die Dunkelheit, kommt er im Test Gebrauchseignung nicht über ein "mangelhaft" hinaus; ist er nur bei Tag schlecht sichtbar, nicht über ein "ausreichend".

So haben wir getestet

Wasserdicht? Im Labor ging es unter das Beregnungsrohr.

So haben wir getestet

Auch wurden die reflektierenden Flächen gemessen.

Video zum Thema

Video

ÖKO-TEST-Magazin 4/2017:

Schulranzen

Ein Schulranzen muss ganz schön was aushalten.

Wir ließen die Modelle im Praxislabor deshalb nicht nur auf Stabilität, Verarbeitung und Handhabung prüfen, sondern auch auf ihre Trageeigenschaften und Ergonomie. Ganz wichtig der Punkt Sicherheit: Sind genügend fluoreszierende Signalflächen und auch Reflektorstreifen vorhanden, damit Autofahrer die Kinder in der Dämmerung und auch bei Tageslicht besser wahrnehmen? Und natürlich wollten wir wissen, ob bedenkliche Inhaltsstoffe in den Ranzen stecken.