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ÖKO-TEST März 2017
vom

Kleidergrößen

Größen-Wahnsinn

Eine 36 ist eine 36 - ist manchmal aber auch eine 40. Verbindliche Vorgaben für Maße hat die Bekleidungsindustrie nicht, manche Hersteller schummeln sogar extra auf den Etiketten, um ihren Kunden zu schmeicheln. Die brauchen wegen des Wirrwarrs viel Geduld und starke Nerven bei der Suche nach dem neuen Lieblingsstück.

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23.02.2017 | Knie und Oberschenkel sind nicht das Problem, aber an der Hüfte kneift die Jeans. Auch die beiden Alternativmodelle passen nicht recht, da nützt die sportlichste Verrenkung in der Umkleidekabine nichts. Das eine Teil schlackert, das andere schmiegt sich wie eine Pelle ans Bein, obwohl beide die gleiche Größe haben sollen. Einen Laden weiter sorgt das Oberhemd für eine Überraschung. Über Nacht muss wohl der Hals angeschwollen sein; Kragenweite 40, die sonst recht gut sitzt, lässt jedenfalls keinen Spielraum mehr für tiefe Atemzüge - bestenfalls für einen genervten Seufzer.

So fördert der Blick in den Kleiderschrank bei manchem nicht nur gut sitzende Jeans in vier unterschiedlichen Größen oder T-Shirts von M bis XL zutage, sondern bestätigt, was die meisten Menschen ohnehin ahnen: Auf Kleidergrößen ist kein Verlass, bei Kleidergrößen herrscht Chaos. Und das in einer Ecke der Welt, in der vermeintlich alles reglementiert, genormt und durchgetaktet ist.

Die Gründe für das Wirrwarr sind hausgemacht. "Es gibt keine festgelegten Größen, an die sich alle Hersteller gleichermaßen halten", erklärt Thomas Rasch, Hauptgeschäftsführer bei German Fashion, einem Branchenverband der Bekleidungsindustrie. Es gebe zwar Größentabellen, die den Firmen als Orientierung dienen. Aber: "Es besteht keine Verpflichtung, sich an diese Vorgaben zu halten", sagt Rasch. Was erstaunlich ist, weil die Textilindustrie einigen Aufwand betreibt, um an möglichst exakte Körpermaße ihrer potenziellen Kunden heranzukommen.

SizeGermany heißt beispielsweise ein Projekt, mit dem 2007/2008 mehr als 13.000 Männer, Frauen und Kinder per 3-D-Scan vermessen wurden. Frauen haben demnach im Vergleich zur vorigen Reihenmessung aus dem Jahr 1994 im Schnitt um einen Zentimeter an Körpergröße zugelegt. Gleichzeitig nahmen auch Brustumfang (plus 2,3 Zentimeter), Taillen- (+4,1) und Hüftumfang (+1,8) zu. Bei den Männern sind die Vergleichsdaten noch älter (1980), entsprechend sind die Veränderungen größer: Herr Mustermann wuchs in knapp 30 Jahren um 3,2 Zentimeter und legte beim Brustumfang stolze 7,3 Zentimeter zu. Taille und Hüfte gingen im Schnitt um 4,4 und 3,6 Zentimeter in die Breite.

Selbst wenn die Produzenten sich penibel an solche Daten hielten, wäre nicht sicher, dass die Kleidung von der Stange wirklich sitzt. Modeexperten schätzen, dass ohnehin nur jede fünfte Frau mit ihrer Figur in eine Standardgröße passt. Denn nicht nur die Körpermaße variieren, sondern auch die -proportionen. Mit dem Alter nimmt beispielsweise der Taillenumfang zu. Die Industrie reagiert darauf mit Schnitten und Styles entsprechend der angepeilten Zielgruppe - junges Mädchen oder reifere Frau. Beide können zwar die gleiche Konfektionsgröße haben, passen wird einer von beiden das Kleidungsstück aber vermutlich nicht.

Ein weiteres Problem sind sogenannte Schmeichelgrößen. Im Etikett steht die Größe 36, die tatsächlichen Maße entsprechen aber in Wahrheit einer 40. Frauen (und Männer) fühlen sich dadurch geschmeichelt, so das Prinzip Hoffnung hinter der Masche, und belohnen die Schummelei durch Markentreue.

Das Größendilemma ist allerdings auch dem Material geschuldet. "Textilien verhalten sich nun mal nicht wie Blech", sagt Professor Mathias Paas vom Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Der Werkstoff Stoff würde sich etwa durch Nachbehandlungen verändern. "100-prozentig lässt sich das nie ausschließen." Bei Jeans zum Beispiel, die fast durch die Bank behandelt würden, könne die Toleranz bei der Bundweite zwei bis drei Zentimeter betragen. Mit Folgen: "Sie werden eine Jeans immer anprobieren müssen", sagt Paas.

Was die Käufer im Laden im schlimmsten Fall nur Zeit und Nerven kostet, verursacht bei Onlinekäufen schnell gewaltige Kosten, Unmengen an Verpackungsmüll und Emissionen. 47 Millionen Menschen in Deutschland haben 2015 laut Statistischem Bundesamt über das Internet eingekauft. Fast zwei Drittel (64 Prozent) bestellten demnach Kleidung und Sportartikel. Bei den verkauften Warengruppen im Internethandel liegt Bekleidung vor Elektroartikeln und Büchern. Auf Anproben können (und wollen) die meisten Käufer aber auch zu Hause nicht verzichten. Der IT-Branchenverband Bitkom hat ermittelt, dass mehr als die Hälfte der Onlineshopper (51 Prozent) Waren mindestens einmal mit der festen Absicht bestellt, diese postwendend zurückzuschicken - etwa weil gleich drei unterschiedliche Größen eines Stücks geordert wurden. Mal gucken, welche passt. Der Frust beim Anprobieren ist damit aber keineswegs vom Tisch, er verlagert sich bloß vom Laden in die eigenen vier Wände.

Wir wollten wissen, wie groß die Unterschiede bei Hemden und Blusen tatsächlich sind und haben insgesamt 60 Oberteile vermessen lassen.

Das Fazit

Enorme Unterschiede. Wie zu erwarten, sind die Unterschiede von Marke zu Marke gewaltig - obwohl die Kleidungsstücke laut Etikett ein und dieselbe Größe haben sollen. Beispiel Taillenweite: In der kleinsten von uns gemessenen Größe (36/S) ergibt sich ein Unterschied von mehr als 20 Zentimetern. Die Bluse aus dem Hause Tom Tailor bringt es auf 80,4 Zentimeter, das Modell von Opus ist dagegen 102 Zentimeter breit.

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Weitere Informationen

So sind wir vorgegangen

Der Einkauf
Für den Test haben wir in Kaufhäusern und Onlineshops zehn klassische Herrenhemden und zehn Damenblusen bekannter Labels in jeweils drei unterschiedlichen Größen gekauft. Um vergleichen zu können, haben wir darauf geachtet, immer den gleichen Schnitt in der sogenannten Normalgröße, also keine Kurz- oder Langgrößen, auszuwählen. Erstanden haben wir Männerhemden mit den Kragenweiten 40 - 42 - 44 und Blusen der Konfektionsgrößen 36 - 40 - 44, was in etwa den internationalen Größenbezeichnungen M, L, XL beziehungsweise S, M und L bei Frauen entspricht. Preislich lagen die erstandenen Kleidungsstücke zwischen 14,99 Euro für eine Bluse von H&M und 69,95 Euro für ein Hilfiger-Hemd und die Bluse von Marc O'Polo.

Die Messung
Unser Testlabor hat die insgesamt 60 Oberteile anhand von zehn Parametern vermessen. In der Praxis sind aber nicht alle dieser Maße für Käufer relevant, wir veröffentlichen deshalb nur die wichtigsten Größen in den Kategorien Kragen-, Ober-, Taillen- und Schulterbreite sowie die Armlänge.

Die Bewertung
Auf eine Bewertung haben wir verzichtet, eben weil es für die Hersteller keine verpflichtenden Vorgaben gibt, an die sie sich bei ihrer eigenen Bemaßung halten müssten. Viele Firmen veröffentlichen in ihren Internetauftritten eigene Größentabellen, um vor allem Onlinekäufern eine Orientierung zu bieten. Wie diese Maßtabellen aussehen, bleibt den Unternehmen überlassen.

So haben wir getestet

An der richtigen Stelle: Der Halsumfang (Kragenweite) wird zwei Zentimeter unterhalb des Adamsapfels gemessen.

Video zum Thema

Video

ÖKO-TEST-Magazin 3/2017:

Kleidergrößen

Größen-Wahnsinn.

Den Frust in der Umkleidekabine kennt jeder: Die gewohnte Kleidergröße passt nicht, ist zu eng oder zu groß. Ist denn eigentlich auf Kleidergrößen Verlass? Das wollte ÖKO-TEST wissen und ließ im Testlabor insgesamt 60 Oberteile vermessen, um zu überprüfen, wie unterschiedlich die Größen von Hemden und Blusen tatsächlich ausfallen.