Startseite

Ratgeber Kosmetik 2017
vom

Gesichtscremes, teure

Mehr Schein als Sein

Bekommt man für mehr Geld tatsächlich mehr Qualität bei Gesichtscremes? Oder zahlt man für geschicktes Marketing einfach drauf? Unser Test an 23 Gesichtscremes, die zwischen 15 und 45 Euro pro Tiegel kosten, zeigt: Am Preis lässt sich die Qualität nicht ablesen.

11847 | 294
Zu diesem Thema ist ein neuer Artikel vorhanden.

11.05.2017 | Kosmetikabteilungen und Parfümerien sind beliebte Anlaufstellen, wenn es darum geht, ein bisschen Luxus zu verschenken. Wer ihren Innenraum betritt, den umhüllt sofort eine dichte Duftwolke. Die einen mögen das als angenehm empfinden. Den anderen bleibt glatt die Luft weg. Und was für Parfümdämpfe gilt, lässt sich auch auf Wirkversprechen übertragen. Fast bedrohlich erscheint manch ein Szenario: "Frühzeitige Hautalterung", "oxidativer Stress", "schädliche Sonnenstrahlen" und "freie Radikale" heißen die Feinde der Haut, gegen die sie die Wundercremes verteidigen sollen. Es scheint, als hätten sämtliche Umwelteinflüsse zum Angriff gegen die menschliche Außenhülle geblasen. Ein ganzes Arsenal wird eingesetzt, um sie in Schach zu halten: An vorderster Front kämpft das "Phytocollagen" neben den "Stammzellen der Schwarzwaldrose", die Abwehrraketen des "Sensitivity Reducing Complex"-Systems erledigen den Rest. "Normale Produkte, ist die unterschwellige Message, reichen nicht aus. Es müssen ‚Spezialwaffen' her, um die Feinde zu besiegen. Dass solche Produkte ihren Preis haben, versteht sich von selbst. So wird auch der Begriff ‚erste Fältchen' zu einem Sesam-öffne-dich. Er schafft den Zugang zu den unter 30-Jährigen und garantiert lukrative Geschäfte", schreibt Rita Stiens in ihrem Buch Schön um jeden Preis?. "Gekauft wird die ‚Message'. Sie ist der Nährboden, auf dem die Marketingausgaben reichlich Früchte tragen."

Gemeinsam mit dem Markt- und Konsumpsychologen Professor Georg Felser vom Fachbereich für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule-Harz sind wir unserem Kaufverhalten auf den Grund gegangen:

Was sagt der Preis über die Qualität? Untersuchungen von ÖKO-TEST und verschiedene Marktstudien zeigen, dass ein hoher Preis bei Kosmetik nicht zwingend für gute Qualität steht. Verbreiteter als dass ein hoher Preis gute Qualität anzeige, ist die Annahme, billige Produkte seien schlechter, so Felser. Das setzt voraus, dass der Kunde den Preis überhaupt in Relation setzen kann, also die Preisspanne in dem Produktsegment kennt. Aber er betont: "Im großen Bereich Nahrungsmittel/Gesundheit/Kosmetik findet sich in mir bekannten Studien kein nachweisbarer Zusammenhang zwischen Preis und Qualität."

Wie wichtig ist die Kaufumgebung? Wo ein Produkt angeboten wird, ist maßgeblich dafür, wie wir es wahrnehmen. Sehen wir es in einer Parfümerie, kann das Verkaufsumfeld dafür sorgen, dass wir angesichts der Aura von Exklusivität bereit sind, mehr auszugeben als etwa in der Drogerie.

Welchen Einfluss hat Werbung? Werbung beeinflusst, was wir mit einem Produkt verbinden. Marktforscher Felser: "Werbung soll vorprägen, ein Image aufbauen. Sie soll beispielsweise ein Produkt in den Kontext bereits vorhandener Produkte stellen. Genau wie das Produktdesign soll Werbung sagen: ‚Dieses Produkt ist so wie alle anderen dieser Marke - was dir an den anderen gefallen hat, wird dir hier auch gefallen'".

Was kann ich selbst tun? Nichts überstürzen. Professor Felser rät, nicht impulsiv zu kaufen und Produkte und Preise zu vergleichen. Zwar halte sich bei relativ geringen Ausgaben wie für Kosmetik der anschließende Katzenjammer in Grenzen, doch der Konsumforscher ist überzeugt: "Ihre Nettofreude ist viel größer, wenn Sie noch einen Tag länger warten und sich darauf freuen."

Wir haben untersuchen lassen, für welche der 23 Gesichtscremes im Test Sie ohne Gesundheitsbedenken etwas mehr zahlen können und die Hersteller um Belege für ihre Wirkversprechen gebeten.

Das Testergebnis

Weniger ist mehr. Elf Produkte erhalten ein "sehr gutes" Testergebnis Inhaltsstoffe. Beim Gesamturteil reicht es aber nur sechsmal zur Bestnote: Einige werden mit Wirkversprechen beworben, die die Hersteller nicht belegen konnten. Auch unbedenkliche Inhaltsstoffe vollbringen keine Wunder. Fünf der vermeintlich höherwertigen Cremes schneiden sogar "ungenügend" ab, darunter das mit knapp 52 Euro teuerste Produkt im Test. Das beweist: Am Preis lässt sich die Qualität nicht ablesen.

Ratgeber Kosmetik 2017

Gedruckt lesen?

Ratgeber Kosmetik 2017 für 7.50 € kaufen (zzgl. Versand)

Zum Shop

Ratgeber Kosmetik 2017

Online lesen?

Ratgeber Kosmetik 2017 für 6.99 € kaufen

Zum ePaper

Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Ein bisschen mehr darf's schon kosten: Nach diesem Motto haben wir uns in Parfümerien und Naturwarenläden an Preisen zwischen 10 und 60 Euro orientiert. Zusammen kamen 23 Gesichtscremes, die man auch unterm Weihnachtsbaum finden könnte. Auf den Packungen sollten möglichst keine besonderen Versprechungen gemacht werden - "einfache" Gesichtscremes scheinen manche Hersteller in diesem Preissegment allerdings gar nicht erst im Sortiment zu haben. Dann griffen wir zu einer anderen Variante.

Die Inhaltsstoffe
Hoher Preis, gutes Produkt? Wir haben die Gesichtscremes im Labor auf ihre Inhaltsstoffe überprüfen lassen. Stecken darin problematische Konservierungsstoffe, bedenkliche UV-Filter, hautunfreundliche Fette auf Erdölbasis oder sonstige umstrittene Substanzen?

Die Weiteren Mängel
Wie immer waren die Umweltaspekte bei der Verpackung ein Thema. Außerdem wollten wir für die mit besonderen Eigenschaften beworbenen Produkte Wirksamkeitsbelege sehen. Wir baten deshalb die Hersteller, uns entsprechende, vollständige Studien zum Produkt zuzuschicken.

Die Bewertung
Problematische Substanzen bedeuten Punktabzug beim Testergebnis Inhaltsstoffe. Kann der Hersteller nicht belegen, was er seiner Creme auf der Verpackung zuschreibt, schlägt das aufs Testergebnis Weitere Mängel. Von einer Studie erwarten wir, dass sie sich auf das konkrete Produkt bezieht, das an einer ausreichenden Anzahl Probanden über einen aussagekräftigen Zeitraum getestet worden ist. Die Ergebnisse der einzelnen Testpersonen müssen ersichtlich sein. Als belegt gilt die Wirkung für uns nur, wenn das Produkt im direkten Vergleich zu einer herkömmlichen Pflegecreme, also nicht nur zur unbehandelten Haut, überzeugende Vorteile zeigt. Auszüge oder Wirksamkeitsbelege einzelner Inhaltsstoffe haben wir nicht akzeptiert.

So haben wir getestet

Rhetorik der Schönheitsindustrie: Um die Haut vor den ständigen Angriffen der Umwelteinflüsse zu schützen, bedarf es angeblich einer Armada an Inhaltsstoffen