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ÖKO-TEST Juni 2014
vom

Krankenkassen

Im Siegesrausch

Keine Kasse bietet Höchstleistungen für alle Versicherten. Die Suche nach der besten Kasse für die eigenen Bedürfnisse wird durch die vielen Tests nicht einfacher.

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30.05.2014 | Die Audi BKK ist die "Beste Krankenkasse Deutschlands" - sagt zumindest die Kölner ServiceValue GmbH. Dagegen hat das Deutsche Institut für Service Qualität (Disq) die Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) als "Besten gesetzlichen Krankenversicherer 2013" ausgemacht. Glaubt man dem Deutschen Finanz-Service Institut (DFSI), ist die DAK der "Langzeitsieger" und die "Beste Krankenkasse für Familien", vom TÜV Rheinland hat sie das Siegel für den "besten Kundenservice" bekommen. Der Zeitschrift Focus Money zufolge darf sich hingegen die Techniker Krankenkasse "Deutschlands beste Krankenkasse" nennen. Für die Zeitschrift Euro ist sie die "Beste bundesweit geöffnete Krankenkasse mit Geschäftsstellennetz".

Die Zeitschrift Euro hat die Tests in Zusammenarbeit mit dem "Onlineportal www.gesetzlichekrankenkassen.de" und dem "unabhängigen Infodienst www.kassensuche.de" gemacht. Doch beide Adressen gehören der Kassensuche GmbH in Frankfurt und wer www.kassensuche.de eingibt, wird automatisch auf www.gesetzlichekranken kassen.de/kassensuche weitergeleitet. Mit deren Daten erstellt auch Focus Money seine Rankings. Die Zeitschrift wird unterstützt vom Deutschen Finanz-Service Institut, das für sein Siegel ebenfalls unter anderem auf diese Daten zugreift. Und die geben auch mehr als ein Siegel pro Kasse her. So ist die Techniker Krankenkasse laut DFSI nicht nur "Testsieger", sondern bekommt noch sieben weitere Siegel, unter anderem als "Beste Krankenkasse für Selbstständige". Die DAK darf laut Focus Money das Testergebnis "Top Krankenkasse" labeln und sechs weitere wie "Bestes Bonusprogramm für Kinder und Jugendliche".

Auch für die ein oder andere AOK fällt etwas ab: Die AOK Baden-Württemberg bekam von Focus Money unter anderem das Label "Top Gesundheitsförderung", laut DFSI ist sie die "Beste Krankenkasse für Familien", die AOK Hessen wiederum wurde von Focus Money für ihr "Top Bonusprogramm" und ihre "Top Satzungsleistung" im Bereich Mutterschaft/Schwangerschaftsvorsorge ausgezeichnet.

Grundlage der meisten Tests sind Fragebögen, denn nicht alle Leistungen können den Satzungen der Krankenkassen entnommen werden. Als wir unseren Fragebogen für diesen Test verschickten, antwortete uns die BKK Pfaff: "Wir werden an der Umfrage nicht teilnehmen, obwohl wir ein sehr gutes Leistungsportfolio haben (...). Uns scheint auch zunehmend der Fall zu sein, dass Fragebögen mit großen Kassen abgestimmt sind und just diese in Verdacht stehenden Krankenkassen dann Testsieger werden."

Dahinter steht der unausgesprochene Verdacht, dass große Krankenkassen bevorzugt werden, weil sie in der Lage und auch bereit sind, für die Testsieger-Label viel Geld zu zahlen. Wie viel - das konnten wir bislang nicht in Erfahrung bringen, denn auf unsere Nachfragen haben sich alle Beteiligten stets in Schweigen gehüllt. Uns liegt aber ein Angebot aus dem Jahr 2013 vor, das Focus Money einem Direktversicherer gemacht hat. Danach sind fünf Siegel wie "Fairste Kundenberatung" für 5.000 und 15.000 Euro bzw. alle zusammen für 22.500 Euro zu haben. Das Deutsche Institut für Servicequalität Disq verlangte 2012 von einem Rentenversicherer bis zu 16.500 Euro für ein Jahr - ohne die Berechtigung, das Label im Fernsehen zu nutzen. "Eine TV-Lizenz, so das Disq in seinem Angebot, "kann zusätzlich erworben werden".

Bei solchen Preisen fragt man sich, ob nicht teilweise krampfhaft nach Testsiegen und Testsiegern gesucht wird. So hat Focus Money der AOK Baden-Württemberg den Titel verliehen: "Doktors Liebling unter den regional geöffneten Kassen, die mehr als zwei Millionen Mitglieder haben". Um die Bedeutung dieses Testsieges einschätzen zu können, muss man wissen, dass es in Deutschland 132 gesetzliche Krankenkassen gibt, aber nur sieben regional geöffnete mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern. Ähnlich krampfhaft scheinen Siegel wie "Top Krankenkasse für Anspruchsvolle - bundesweit geöffnet" (DFSI für Techniker Krankenkasse) oder "Beste Integrierte Versorgung - Bundesweit geöffnete Krankenkassen mit Geschäftsstellennetz" (Zeitschrift Euro für die Techniker).

Die Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) darf sich mit dem Titel "Beliebteste Gesetzliche Krankenkasse 2013" schmücken. Basis ist eine Onlinebefragung des Disq von 3.142 Personen. Bewertet wurden letztendlich 16 Krankenkassen, zu denen sich mehr als 100 dort Versicherte geäußert hatten. Ob diese in den letzten Jahren krank waren und Kontakt zu ihrer Kasse hatten, bleibt zumindest in der frei zugänglichen Veröffentlichung auf der Internetseite des Disq im Dunkeln. Genauso wie die Antwort auf die naheliegende Frage, woher das Disq die Kundendaten hatte, wer also die zu befragenden Versicherten ausgewählt hat, und ob diese Auswahl repräsentativ ist.

Doch Kundenumfragen, deren Ergebnisse sich ebenfalls mit Labeln vermarkten lassen, kommen mehr und mehr in Mode. So darf sich die DAK mit "Sehr gut - geprüfte Kundenqualität" von www.ausgezeichnet.org schmücken. Die Firma "vermarktet die Produkte Bewertungssiegel, Branchentest, Servicetest und Content Marketing (Native Advertising) im deutschsprachigen Raum", so die Eigendarstellung auf der Internetseite. Die AOK-Hessen freut sich, sie sei die "beliebteste Krankenkasse bei jungen Menschen". Das habe der YoungBrandAwards ergeben, eine Onlineabstimmung über Marken. Und die Vaillant BKK nimmt das Ganze gleich selbst in die Hand: "Note 1,6 für Kundenzufriedenheit" hat eine Eigenumfrage des Mitgliedermagazins ergeben.

Unverzichtbar für eine seriöse Leistungsbewertung von Kassen sind faire und verlässliche Antworten auf die Fragebögen. Doch daran mangelt es teilweise. Beispiel Grippeschutzimpfung. Wir hatten die Kassen gefragt, ob sie diese für alle Altersgruppen bezahlen. Die BKK Henschel antwortete uns mit einem eindeutigen Ja. Auf Nachfrage erläuterte sie, es werde auf Basis der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) geleistet. Doch die empfiehlt die Impfung lediglich für über 60-Jährige und Risikogruppen. Dazu schreibt uns die Kasse schließlich feinsinnig: "Die Frage nach Kostenübernahme für alle Altersgruppen kann nur mit Ja beantwortet werden, weil die von der Stiko genannten Risikogruppen sich in allen Altersgruppen befinden können." Auf Klardeutsch: Die BKK Henschel leistet eben nicht vorbehaltlos für alle. Der Fall zeigt exemplarisch, wie schwer es ist, die wirkliche Leistung einer Krankenkasse dingfest zu machen. Denn immer wieder versuchen Kassen, ihre Leistungen für ein gutes Ranking in einem Test aufzuplustern. Und genauso häufig beschweren sich Leser bei uns, dass sie eine bestimmte Leistung von der Kasse nicht bekommen, obwohl sie das in einem Test - der gar nicht von uns stammt - gelesen haben.

Beispiel Zeckenschutz: Wir hatten die Kassen gefragt, ob sie die Impfung gegen die von den fiesen Tierchen übertragene FSME-Krankheit in ganz Deutschland und nicht nur, wie vorgeschrieben, für Menschen in den Risikogebieten vor allem in Süddeutschland bezahlen. Die Techniker Krankenkasse teilte uns dazu mit, sie übernehme die Impfung, "wenn ein Versicherter sich in FSME-Risikogebieten aufhält - also auch, wenn er in einer anderen Region Deutschlands wohnt und sich nur temporär (zum Beispiel im Rahmen einer Reise oder Ähnliches in dem Risikogebiet aufhält)". Bei den Kollegen von der Stiftung Warentest liest sich das allerdings anders. Dort heißt es uneingeschränkt: "Auch für Versicherte, die nicht in Risikogebieten leben". Darauf angesprochen erklärte der Pressesprecher der Techniker Krankenkasse, Michael Ihly mindestens ebenso feinsinnig wie die BKK Henschel, man habe gegenüber der Stiftung Warentest keine falschen Angaben gemacht, denn "wir haben nicht gesagt, dass ein Kostenersatz unter allen Umständen für Kunden außerhalb von Risikogebieten gilt". Zudem seien Krankenkassentester an Unklarheiten oft selbst schuld. "Umfragen haben oft das Problem, dass man nur ein Ja oder Nein ankreuzen und nicht weiter differenzieren kann", so Ihly.

Dass viele Tester ihre Ergebnisse verbreiten (hier ist die Stiftung Warentest ausdrücklich ausgenommen), obwohl sie genau wissen, dass die Tests auf wackeligen Beinen stehen und im Grunde nutzlos sind, zeigt der Hinweis von www.gesetzlichekrankenkassen.de. Dort heißt es: "Diese Übersicht ist eine vereinfachte Darstellung des Leistungsspektrums. Für detaillierte Angaben setzen Sie sich bitte unbedingt vorher mit der Krankenkasse direkt in Verbindung."

Das Testergebnis

Alle Kassen bezahlen für Yogakurse, die nicht von der Kasse selbst angeboten werden. Unsere genaue Frage lautete: "In welchem Umfang wird ein fremder Yogakurs bezuschusst." Sechs Kassen zeigten sich hier mit über 400 Euro im Jahr besonders spendabel.

Deutliche Unterschiede bei Zahnreinigung. Die Leistung von 22 Kassen haben wir mit "hoch bewertet". Das heißt für uns: Sie zahlen über 100 Euro im Jahr, denn so viel verlangt laut Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz der Zahnarzt mindestens, um 28 Zähne gründlich vom Zahnstein zu befreien. Viele Kassen leisten jedoch nur auf Umwegen über Bonusprogramme. Das ist in unseren Augen "keine direkte" und damit eine "stärker eingeschränkte Leistung".

Überwiegend hohe Leistungen für Haushaltshilfen. Wir wollten wissen: "Werden die Kosten für Haushaltshilfen übernommen, wenn die haushaltsführende Person krank ist und Kinder im Haushalt leben?" Gleich 38 Kassen bescheinigen wir in diesem Punkt eine "hohe Leistung", weil sie länger als vier Wochen zahlen und das auch gilt, wenn das im Haushalt lebende Kind bei der Bewilligung das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hat.

Die Großen geizen bei ambulanten Kuren. Drei Wochen lang 13 Euro Zuschuss am Tag, also insgesamt 273 Euro sind am Markt üblich. Mit "hoch" haben wir noch Zahlungen über 180 bewertet. Doch acht Kassen, darunter die drei Schwergewichte, reißen unsere gar nicht so hoch gehängte Messlatte.

Nachholbedarf bei HPV-Impfungen. Die HPV-Schutzimpfung gegen Gebärmutterhalskrebs wird von der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts für junge Frauen zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen. Die Impfung sollte vor dem ersten sexuellen Kontakt erfolgen. Daher ist nachvollziehbar, dass sie für ältere Frauen keine Kassenleistung ist. "Der Nutzen der Impfung ist sicher geringer, wenn eine Frau bereits eine Infektion hat. Eventuell kann sie jedoch trotzdem profitieren", schreibt Pro Familia, in Deutschland für Sexualberatung zuständig. Dass ältere Frauen, wenn die Impfung von der Kasse übernommen wird, scharenweise zum Arzt gehen, darf mit Recht bezweifelt werden. Es gibt aber auch Frauen, die erst spät sexuellen Kontakt haben. Ihnen sollte die Chance auf einen kostenlosen Schutz geboten werden. Daher sollten die 31 Kassen, die derzeit den HPV-Schutz für ältere Frauen nicht zahlen, noch einmal über ihre gesellschaftliche Aufgabe nachdenken.

FSME-Impfung schützt auch die Kassen. Die Gefahr, sich durch eine Zecke mit dem gefährlichen FSME-Virus zu infizieren, steigt deutlich. Immerhin hat die Stiko in ihrer aktuellen Empfehlung neue Risikogebiete ausgewiesen. Rund 44 Kassen zahlen die Leistung bundesweit - und schützen damit nicht nur ihre Versicherten vor einer gefährlichen Krankheit, sondern wie bei allen Impfungen auch sich selbst vor den teuren Behandlungskosten.

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Weitere Informationen

Die Daten wurden in mehreren Abfragerunden ab März 2014 bei Krankenkassen per Fragebogen erhoben, mit den Satzungen, Onlineauftritten und allgemein zugänglichen Informationen im Internet abgeglichen und den Krankenkassen zu einer finalen Verifikation zurück gespielt.