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ÖKO-TEST Juni 2016
vom

vegetarische / Vegane Fleischersatzprodukte

Auch nicht ohne

Der Markt für fleischfreie Schnitzel, Burger und Co. boomt. Die Qualität ist jedoch dürftig, wie unser Test zeigt. So enthalten etliche Produkte hohe Mineralölrückstände und zu viel Salz. Letztlich können wir nur ein Produkt wirklich empfehlen.

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25.05.2016 | Wer im Laden nach vegetarischen oder veganen Fertigprodukten sucht, stößt schnell auf die sogenannten Fleischersatzprodukte: Produkte, die rein äußerlich panierten Schnitzeln zum Verwechseln ähnlich sehen, Aufschnitt, der im Kühlregal gleich neben herkömmlichen Wurstwaren liegt und kaum einen Unterschied erkennen lässt, braun gebratene Hackbällchen, die auf den ersten Blick Fleisch vermuten lassen, jedoch aus Soja oder Weizen gefertigt sind.

Die Produktbezeichnungen tun ein Übriges: vegetarische Fleischwurst, vegetarischer Schinkenspicker, vegetarische Minifrikadellen. Wer vor allem auf den zweiten Begriff achtet und Hinweise wie "fleischfrei" oder "auf Basis von Soja" übersieht, könnte zum vermeintlich falschen Produkt greifen. Fakt ist, derzeit herrscht in Sachen Kennzeichnung noch Regellosigkeit. Gesetzliche Vorgaben fehlen. Was es gibt, ist allenfalls eine Stellungnahme des Arbeitskreises Lebensmittelchemischer Sachverständiger (ALS), wonach das vegetarische oder vegane Produkt im Hauptsichtfeld der Packung deutlich als solches bezeichnet werden soll, und darunter der ersetzte Bestandteil tierischer Herkunft aufzuführen ist.

Tatsächlich haben Hersteller offensichtlich wenig Interesse daran, dass ihr Produkt mit der Fleischzubereitung verwechselt werden könnte und deklarieren eindeutig. Zu einer besseren Erkennung tragen außerdem eine grüne Packungsgestaltung bei sowie einschlägige Siegel, etwa des Vegetarierbundes Deutschland (VEBU) oder die Veganblume.

Aber wer soll diese Produkte eigentlich kaufen? Langjährige Veggies, die mal etwas anderes auf dem Teller haben wollen? Oder Veggie-Einsteiger, die geschmacklich noch sehr am Fleisch hängen, dieses jedoch aus ethischen Gründen ablehnen? Nach Informationen der Lebensmittel Zeitung hat der Handel vor allem die Gruppe der Flexitarier im Blick, also jene, die nur hin und wieder auf Fleisch verzichten. Anders sei es nicht zu erklären, dass Supermärkte und Discounter derzeit große Anstrengungen unternehmen, ihre Veggie-Sortimente auszubauen. Von einem kurzfristigen Hype könne nicht die Rede sein.

Sebastian Joy, Geschäftsführer des VEBU, bestätigt: "Umfragen haben ergeben, dass mehr als 50 Prozent der Deutschen an drei oder mehr Tagen pro Woche bewusst auf Fleisch verzichten." Zusammen mit rund sieben Millionen Vegetariern, darunter etwa 1,2 Millionen Veganern - so die Zahlen des VEBU - ergebe sich eine erhebliche Marktbedeutung, auf die der Handel mit einer immer breiter werdenden Produktpalette reagierte.

Allerdings seien die Konsumenten zunehmend kritisch und gut informiert, gibt Joy zu bedenken. "Sie verlangen verstärkt nach gesunden veganen Alternativen." Die Unternehmen seien daher aufgerufen, möglichst naturnahe Produkte herzustellen, die gut schmecken und zugleich gesund sind.

Wir kauften 22 fleischfreie Produkte und ließen sie auf Schadstoffe, Fett, Salz und den Geschmack prüfen. Von den Herstellern wollten wir wissen, woher sie ihre Eiweißquellen beziehen. Schließlich macht es wenig Sinn, aus Tierschutzgründen auf Fleisch zu verzichten, wenn Eier aus Käfighaltung oder Soja aus Regenwaldgebieten eingesetzt werden.

Das Testergebnis

Schlechte Karten für Veggies oder die, die es werden wollen: Nur ein einziges Produkt ist "gut" und knapp die Hälfte fällt "mangelhaft" oder "ungenügend" aus.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Aus dem breiten Angebot an gekühlten Fleischersatzprodukten wählten wir insgesamt 22 Schnitzel, Nuggets, Burger, Hackbällchen und Wurstwaren aus. Die Hälfte stammt aus ökologischer Produktion. Berücksichtigt wurden unter anderem Eigenmarken der (Bio-)Supermärkte und Discounter, die Reformhausklassiker Eden und Heirler sowie bekannte konventionelle Marken, etwa Rügenwalder Mühle und Valess. Wir schauten auch nach innovativen Produkten zum Beispiel aus Lupinen oder Mykoprotein.

Die Inhaltsstoffe
Im Labor wurden die Produkte auf Verderb und Keime geprüft, beides ein Indiz auf die Einhaltung der Kühlkette. Sojabasierte Proben durchliefen Prüfungen auf gentechnisch veränderte Bestandteile. Weitere Analysen betrafen problematische Mineralöle, Pestizide und Weichmacher. Letztere wurden in einem ähnlichen Test von 2011 einige Male in größerer Menge gefunden. Die Untersuchungen auf Salz und Fett komplettierten die Laboranalysen. Weil wir zudem wissen wollten, wie die Produkte schmecken, ließen wir sie nach Packungsanweisung zubereiten und von geschulten Experten anonymisiert verkosten und beschreiben.

Die Weiteren Mängel
Wir prüften, ob Packungsauslobungen den gesetzlichen Vorgaben entsprechen, schauten nach Unstimmigkeiten und Miniportionen, die Hersteller gern angeben, um Kalorien- oder Fettgehalte kleinzurechnen.

Die Bewertung
Nahezu alle Produkte weisen Verunreinigungen mit Mineralöl auf. Liegen die Gehalte mehr als doppelt so hoch, wie nach dem derzeitigen Stand maximal aus Verpackungen übergehen sollte, führte dies zum Abzug von vier Noten. Punktabzug kassierten überdies etliche Produkte für zu viel Salz oder glutamathaltige Zusätze und Aromen.

So haben wir getestet

Schnitzel im Anschnitt. Im Rahmen der Sensorikprüfung wurde auch das Innere der Produkte begutachtet. Hier Schnitzel aus Soja (oben), Seitan/Weizeneiweiß (Mitte), Lupine (unten).