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ÖKO-TEST Oktober 2015
vom

Kartoffeln

In den Sand gesetzt

Israel und Ägypten liefern im großen Stil Kartoffeln für den deutschen Markt. Für den Anbau in der Wüste zapfen sie die dort knappste Ressource an: Wasser. Die deutschen Bauern haben die Kartoffelproduktion zurückgefahren - obwohl die Knolle hierzulande viel weniger Wasser braucht.

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25.09.2015 | Sand. So weit das Auge reicht, nur Sand. Und sengende Hitze. Dort, in der Wüste, wo die Natur von allein keinen Grashalm hervorbringt, wachsen Kartoffeln - im großen Stil. Ägypten und Israel gehören zu den Hauptexporteuren von Frühkartoffeln für den deutschen Markt. Und um die Sahara oder den Negev fruchtbar zu machen, brauchen die Landwirte vor allem eins: Wasser, das knappste und wertvollste Gut der Wüste. 407 Liter verbrauchen die ägyptischen Anbauer im Schnitt (siehe Grafik) pro Kilogramm Kartoffeln. Für die Bewässerung wird auch wertvolles Grundwasser verbraucht, das tief aus der Erde an die Wüstenoberfläche gepumpt wird. In Ägypten muss auch Nilwasser herhalten - die Süßwasserquelle, an deren Tropf zehn sonst trockene Anrainerstaaten hängen. Immer wieder ist der Nil Grund für Konflikte in der Region; zuletzt drohte Ägypten 2013 Äthiopien mit Krieg, als das Land begonnen hatte, eine Talsperre am blauen Nil zu bauen.

Und das Wasser, das die Menschen dort dringend benötigen, versickert im Wüstensand - nicht nur für die heimische Bevölkerung, auch für Exportkartoffeln. Die wertvolle, knappe Ressource Wasser wird also immer knapper in einer Region, die ohnehin ein hohes Potenzial für politische Konflikte hat. 84 Prozent des Wasserverbrauchs in Nordafrika gehen laut Welternährungsorganisation FAO auf das Konto der Landwirtschaft, nur neun Prozent bleiben der Bevölkerung. In Nordeuropa steht das Verhältnis 50 zu 33 Prozent.

"Das System ist pervers", sagt Gerald Wehde vom Verband Bioland. Denn damit fließt das Wasser, das dort knapp ist, quasi direkt nach Europa, wo Kartoffeln fast ohne künstliche Bewässerung angebaut werden können. Und die Bauern hier bleiben auf ihren Kartoffeln sitzen. Das Problem: Im frühen Sommer, wenn der Handel mit neuen Wüstenkartoffeln überschwemmt wird, gibt es noch keine heimischen Frühkartoffeln. Die Knollen aus Deutschland haben zu diesem Zeitpunkt nach ihrer Ernte im Herbst schon einige Monate der Lagerung hinter sich - und sind dementsprechend nicht so schön anzusehen wie die neuen Kartoffeln aus dem Wüstensand. Deren Haut ist dünn und hell, die Kartoffeln rund, glatt und ohne Makel. Damit kann eine deutsche Lagerkartoffel optisch nicht mithalten.

Deswegen setzt der Handel auf die schöneren Produkte - und der Anbau in Deutschland geht zurück. "Vor ein paar Jahren sind wir sogar auf unseren Kartoffeln sitzen geblieben", sagt Wehde stellvertretend für viele Bio-Bauern. "Wir könnten den deutschen Markt problemlos abdecken", versichert er. Aber dafür bräuchten die Bauern Abnahmegarantien, Verträge. Das bestätigt auch Monika Tietke, Geschäftsführerin des Vereins Bio-Kartoffel-Erzeuger: "Wir könnten unsere Anbaufläche ohne Weiteres aufstocken. Aber dafür brauchen wir Sicherheiten."

Und weil sich keiner leisten kann, dass die lange und wegen der Kühlung auch teuer gelagerten Kartoffeln am Ende im Futtertrog von Rindern oder in Bio-Gas-Anlagen landen, bauen die deutschen Landwirte weniger an als sie könnten. In der konventionellen Landwirtschaft lag die Kartoffelanbaufläche 2000 noch bei rund 304.000 Hektar, 2014 waren es noch gut 245.000 Hektar. Das ist natürlich nicht nur der Wüstenkonkurrenz geschuldet - der Pro-Kopf-Verbrauch etwa ist im gleichen Zeitraum von etwa 70 auf unter 60 Kilogramm gesunken -, aber natürlich spielt die Konkurrenz eine Rolle.

Allerdings: "Die Wüstenkartoffeln schmecken deutlich schlechter", stellt Dr. Norbert Haase, kommissarischer Leiter des Instituts für Sicherheit und Qualität bei Kartoffeln im Max-Rubner-Institut, fest. "Und häufig lässt auch die Qualität zu wünschen übrig", kritisiert er. Denn: Mehr Düngung und eine verfrühte Ernte können höhere Nitratwerte nach sich ziehen, die höhere Lichteinstrahlung kann die Pflanzengiftstoffe Solanin und Chaconin in die Höhe treiben und auch Pestizidrückstände seien häufiger zu finden als in deutschen Kartoffeln. "Da muss man sich schon fragen, was Qualität überhaupt bedeutet", kritisiert auch Kartoffelbäuerin Tietke. "Ist Schönheit wichtiger als Geschmack?"

"Nein", hält Thomas Herkenrath, Präsident des Deutschen Kartoffelhandelsverbands, dem entgegen. "Aber nach vielen Monaten der Lagerung verlieren die Kartoffeln leider kontinuierlich an Qualität und auch Keimbildung sowie Lagerdruckstellen werden zum Problem", sagt er. "Und deshalb bedarf es in der Zeit von Mai bis Juli der Unterstützung durch importierte Speisefrühkartoffeln."

Wie genau es um die Qualität der Kartoffeln steht, wollten wir überprüfen und haben deswegen in zehn Läden drei Mal Kartoffeln aus verschiedenen Chargen eingekauft, ins Labor geschickt und gewohnt umfangreich auf Schadstoffe untersuchen lassen. Außerdem wollten wir von den Herstellern wissen, ob die Kartoffeln in der Wüste angebaut wurden.

Das Testergebnis

Von weit her: Guten ökologischen Gewissens kann man aber nur zu den Bio-Kartoffeln aus Deutschland greifen. Alle anderen kommen aus Portugal, Spanien, Israel oder Ägypten.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Kartoffeln waren Ziel unseres Einkaufs im Juni - und je nach Angebot haben wir bevorzugt zu importierten Frühkartoffeln aus Israel und Ägypten gegriffen. Nur, wenn es keine importierten Kartoffeln gab, haben wir deutsche eingekauft. So landeten die Produkte aus zehn Läden in unserem Einkaufskorb. Um einen besseren Eindruck von der Qualität der angebotenen Produkte zu bekommen, haben wir je drei Chargen eingekauft.

Die Inhaltsstoffe
Auch wenn Pestizide primär auf die Pflanzen gesprüht werden, sind Rückstände in den Knollen immer wieder ein Thema. Deswegen haben wir die Kartoffeln auf über 500 verschiedene Wirkstoffe untersuchen lassen. Auch auf Phosphonsäure hat das von uns beauftragte Labor die Produkte getestet - der Stoff kann zum Beispiel durch Dünger oder Pflanzenschutzmittel in die Kartoffeln gelangen. Der Pflanzengiftstoff Solanin bildet sich etwa, wenn sie zu hell gelagert werden. Kartoffeln sind im Vergleich zu Salat zwar ein eher nitratarmes Produkt - trotzdem lassen hohe Nitratrückstände einen Rückschluss auf zu viel Dünger oder eine zu frühe Rodung zu.

Die Bewertung
Kartoffeln können nur mit "sehr gut" abschneiden, wenn sich keinerlei bedenkliche Inhaltsstoffe in den Knollen finden lassen und sie nicht unter bedenklichen ökologischen Bedingungen in der Wüste angebaut wurden. Für den fahrlässigen Umgang mit der dort knappsten Ressource, dem Wasser, ziehen wir unter "Weitere Mängel" vier Noten ab - auch wenn Hersteller sich nicht zu dem Anbaugebiet äußern. Da sich die Nitratfunde nicht im gesundheitlich relevanten Bereich befanden, haben wir hier nicht abgewertet.

So haben wir getestet

Grüne Kartoffeln enthalten oft hohe Gehalte an Solanin und Chaconin. Sie sollten nicht gegessen werden.