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ÖKO-TEST Januar 2017
vom

Feldsalat

Rapunzels Geheimnis

Kaum ein Salat ist frei von Pestiziden, darunter auch solche, die als besonders gefährlich gelten. Den besten Feldsalat gab es bei Denn's. Viele Supermärkte schnitten in der Rangliste nur mit "befriedigend" ab.

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28.12.2016 | Feldsalat gehört zu den wenigen grünen Lichtblicken auf winterlichen Salattellern. Sein leicht nussiges Aroma harmoniert wunderbar mit einer Vielzahl an frischen Zutaten, etwa Champignons, Fenchel und Möhren oder Äpfeln, Birnen und Orangen. Walnüsse, Haselnusskerne und Maronen passen ebenfalls hervorragend ebenso wie Camembert oder Blauschimmelkäse. Auch in Sachen gesunde Inhaltsstoffe kann der Salat vom Acker punkten. Denn er liefert nicht nur mehr Vitamin C und Betacarotin als viele andere Blattsalate, sondern auch reichlich Kalium und Eisen.

Dabei ist sein Anbau nicht ganz unproblematisch. Stehen die Pflänzchen dicht an dicht - wie in den großflächigen Kulturen der intensiven Landwirtschaft -, drohen Ernteverluste etwa durch Pilzerkrankungen und Schadinsekten. Konventionelle Erzeuger greifen daher regelmäßig zur Pestizidspritze. Erhebliche Rückstände im Salat können die Folge sein. Das bestätigen Untersuchungen der Lebensmittelüberwachung immer wieder. So wurden schon 2008 in einer Studie des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in rund 80 Prozent der 44 untersuchten Feldsalate Pestizide gefunden. Neun Proben überschritten damals die gesetzlichen Höchstmengen. Ähnlich belastet zeigten sich 25 Feldsalatproben, die das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUAS) 2015 untersuchte. In allen Proben wies das Amt Rückstände nach, allerdings lag kein Gehalt über den zulässigen Grenzwerten. Ein weiterer Unterschied zu 2008: Die Proben enthielten mit rund 0,5 Milligramm pro Kilogramm Feldsalat (mg/kg) eine viel geringere Gesamtmenge an Pestiziden.

Liegt es also an den niedrigeren Rückstandsbelastungen, dass Grenzwertüberschreitungen bei Feldsalat heute anscheinend der Vergangenheit angehören? Zum Teil ja, zum Teil aber auch nein. Ein anderer Grund sind Grenzwerterhöhungen, die zwischenzeitlich für den Anbau von Feldsalat beantragt wurden.

Und so darf Feldsalat heute deutlich mehr Rückstände enthalten als noch vor Jahren. Ein Beispiel ist das Pilzbekämpfungsmittel Iprodion. 2008 war noch ein Grenzwert von 10 mg/kg einzuhalten, seit 2015 darf die Rückstandshöchstmenge doppelt so hoch sein, denn jetzt gelten 20 mg/kg als Maximum. Oder Boscalid, ein anderer Wirkstoff gegen Pilzerkrankungen. Dieses Mittel war 2008 für den Anbau von Feldsalat noch nicht zugelassen, weshalb die allgemeine Höchstmenge von 0,01 mg/kg heranzuziehen war. Drei Überschreitungen von Grenzwerten gingen in der bayerischen Untersuchung von 2008 auf das Konto von Boscalid. Weil die Landwirte auf den Einsatz des Pilzbekämpfungsmittels im Anbau von Feldsalat aber nicht verzichten wollten, musste schnellstens ein eigener Grenzwert her. Das passierte auch. So wurde bereits zum September 2008 ein Höchstgehalt von 40 mg/kg festgesetzt. Doch auch dieser Grenzwert war nicht von Dauer, denn 2016 folgte eine weitere Erhöhung auf aktuell 50 mg/kg.

Warum speziell für Blattgemüse überdurchschnittlich hohe Pestizidgrenzwerte festgelegt werden, erklären Experten mit dem ungünstigen Verhältnis von Oberfläche zu Gewicht. Heißt: Auf Kulturen mit vielen Blättern, aber wenig Masse können sich mehr Rückstände pro Kilo ansammeln als etwa auf Fruchtgemüsen wie Tomaten oder Gurken mit einer vergleichsweise kleinen Oberfläche. Völlig absurd wird das Ganze, wenn man feststellt, dass es für andere Blattgemüse ganz anders aussehen kann. So liegt beispielsweise der Rückstandshöchstgehalt für Iprodion in Spinat und Mangold 1.000 Mal niedriger, nämlich bei 0,02 mg/kg.

Aber worum genau geht es? Natürlich können Pestizidgrenzwerte nicht beliebig hoch festgelegt werden. Im Gegenteil. In der zuständigen EU-Verordnung steht ausdrücklich, dass die Gehalte so niedrig festzusetzen sind, wie dies mit einer guten landwirtschaftlichen Praxis vereinbar ist, um besonders gefährdete Gruppen wie Kinder und Ungeborene zu schützen. Ob dieser Grundsatz immer eingehalten wird, ist zweifelhaft, wie das Beispiel Feldsalat zeigt. Fakt ist, dass es die Hersteller sind, die Rückstandshöchstmengen beantragen. Sie müssen dafür Unterlagen über Rückstandsversuche einreichen, die unter Worst-case-Bedingungen stattgefunden haben.

Andererseits muss man wissen, dass es sich bei den festgelegten Höchstgehalten für Pestizide nicht um gesundheitliche Grenzwerte handelt. Es geht vielmehr darum, den Anbau bestimmter Kulturen auch unter widrigen Umständen abzusichern und zu regulieren. Dazu kommen Prüfungen möglicher akuter und chronischer gesundheitlicher Risiken, die erfolgreich abgeschlossen werden müssen, bevor Behörden einen beantragten Rückstand als sicher erklären. Die Ergebnisse können jedoch nur so gut sein wie die Kriterien, die den Prüfverfahren zugrunde liegen. So werden beispielsweise Cocktaileffekte von Mehrfachbelastungen nicht berücksichtigt, also die Frage, ob sich mehrere Rückstände pro Produkt in ihrer Wirkung eventuell verstärken. Angesichts der Komplexität sind die Auswirkungen von Mehrfachrückständen bis heute noch völlig unklar.

Nicht berücksichtigt wird offenbar auch, ob Pestizidwirkstoffe als besonders problematisch einzustufen sind. So hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in den vergangenen Jahren 15 Pestizide als hormonell wirksam bewertet, ein Verbot oder zumindest eine begrenzte Anwendung - wie von Nichtregierungsorganisationen wie dem deutschen Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN Germany) gefordert - aber nicht auf den Weg gebracht. Dabei ließe es das geltende Recht durchaus zu.

Wir wollten wissen, wie es aktuell um Feldsalat bestellt ist und haben in insgesamt elf Läden eingekauft. Ziel war, nicht nur einzelne Salate zu testen, sondern zu prüfen, mit welcher durchschnittlichen Qualität Verbraucher in den einzelnen Geschäften rechnen können. Wir ließen daher jeweils drei Chargen in den Laboren prüfen.

Das Testergebnis

Nur einmal "sehr gut". Die Gesamtnote "sehr gut" können wir im Durchschnitt nur einmal vergeben. In vier Läden fielen die drei untersuchten Chargen insgesamt immerhin "gut" aus. Sechs Mal lautet das Gesamturteil für die in den übrigen Geschäften eingekauften Proben im Durchschnitt "befriedigend".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Die Inhaltsstoffe
Die Proben ließen wir auf mehr als 600 Pestizide untersuchen. Weitere Analysen betrafen Perchlorat und Chlorat, die der Salat etwa durch Dünger oder gechlortes Waschwasser aufnehmen kann. Für Reinigungszwecke werden manchmal auch quartäre Ammoniumverbindungen eingesetzt, zum Beispiel Benzalkoniumchloride (BAC). Zum Prüfprogramm gehörte des Weiteren Nitrat, das sich je nach Düngung in Feldsalat anreichern kann. Zu hohe Gehalte sind unerwünscht.

Die Bewertung
Erstmals fließen Rückstandsgehalte von besonders problematischen Pestiziden zusätzlich in die Bewertung ein. Wir orientieren uns dabei an den Einstufungen internationaler Gremien wie der Weltgesundheitsorganisation oder der amerikanischen Umweltbehörde EPA. Danach gilt beispielsweise der Pestizidwirkstoff Iprodion als krebsverdächtig. Feldsalat, der mehr als 0,01 mg/kgdieser Substanz enthält, kann deshalb bestenfalls mit "gut" abschneiden. Zu weiteren Notenabzügen führen beim Feldsalat erhöhte Gehalte an Nitrat sowie gesundheitlich bedenkliche Chlorverbindungen. Das Gesamturteil basiert auf den gemittelten Ergebnissen von drei Chargen.

So haben wir getestet

50 Gramm: So groß ist unserer Ansicht nach eine realistische Portion. Sie diente zur Abschätzung der täglichen Nitrataufnahme.