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ÖKO-TEST Januar 2017
vom

Grippemittel

Wilde Mischung

Pillen und Säfte, die einen Mix aus Wirkstoffen gegen Erkältungsbeschwerden enthalten, bescheren den Apotheken besonders in den Wintermonaten gute Umsätze. Von 15 Produkten im Test schneidet nur ein Mittel mit "gut" ab. Alle anderen Produkte enttäuschen: Sie enthalten sinnlose und auch bedenkliche Wirkstoffkombinationen - Nebenwirkungen gibt es inklusive.

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28.12.2016 | Eine kalte Nase ist der ideale Ort für Schnupfenviren. Bei Temperaturen von 33 bis 34 Grad, die etwas unter der normalen Körpertemperatur liegen, vermehren sich die Keime prächtig. Es folgt ein Kribbeln in der Nase, Niesanfälle. Schließlich stellen sich Beschwerden wie eine verstopfte Nase, Schnupfen, Kopfschmerzen, ein Stauungsgefühl im Gesicht oder der Verlust des Geruchssinns ein, die typisch für eine normale Erkältung sind. Mediziner bezeichnen das Krankheitsbild als akute Rhinosinusitis, weil der Schnupfen (Rhinitis) meist mit einer Entzündung der Nebenhöhlen (Sinusitis) einhergeht.

Die Rhinoviren können mit einem Nebel aus Tröpfchen direkt in die Atemorgane und Tränenkanäle geraten. Häufig gelangen sie auch über die Hand an ihre Wirkungsstätte. Denn an die Hände heften sich die hartnäckigen Keime durch den bloßen Kontakt mit kontaminierten Gegenständen wie Türklinken. Dort können sie bis zu 48 Stunden überleben.

Der grippale Infekt ist eigentlich harmlos und heilt in der Regel innerhalb einer Woche aus. Ruhe und Schonung hilft, den Infekt zu überwinden. Hausmittel können das Wohlbefinden fördern, beispielsweise die Wasserdampfinhalation mit Kamille, eine Tasse heißer Tee oder Milch mit Honig. Bei ganzen Generationen von Kindern rieb die Mutter die Brust mit einer Mentholduft verströmenden Salbe ein - Mittel wie Wick Vaporub sind bis heute in vielen Hausapotheken eine Selbstverständlichkeit. Ein Apotheker hat das Wick-Erkältungsmittel vor mehr als 100 Jahren in den USA erfunden. Es hatte seinen Durchbruch im Jahr 1918, als eine Grippepandemie in Amerika, Europa und Asien grassierte, wie das Unternehmen Procter & Gamble auf seiner Homepage informiert. So weit die Werbung.

Doch was empfehlen Mediziner? Sie raten dazu, die lästigsten Beschwerden zu lindern. Jedoch gibt es derzeit keine entsprechende, aktuelle medizinische Leitlinie. "Es ist ein Armutszeugnis, dass die deutschen Fachgesellschaften momentan keine gültigen Leitlinien zur Rhinosinusitis veröffentlicht haben", bemängelt Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt. Experten kritisieren zudem, dass bei normalen Erkältungen zu häufig und vorschnell Antibiotika verordnet werden. Gegen die durch Viren verursachten Erkältungen können Antibiotika jedoch nichts ausrichten. Sie sorgen bestenfalls für Nebenwirkungen wie Durchfall oder Hautausschläge. Die sorglose Antibiotikagabe fördert überdies die Ausbreitung von Resistenzen gegen diese lebenswichtigen Arzneimittel. Erst wenn Symptome auftreten, die auf eine Beteiligung von Bakterien hindeuten, wie grünlicher Auswurf, starke Kopfschmerzen im Bereich der Stirnhöhle oder Brustschmerzen und Probleme beim Luftholen, sollte ein Arzt über das weitere Vorgehen entscheiden.

Im Gegensatz zur echten Grippe, die sich durch hohes Fieber und schlagartig auftretende Symptome wie starke Gliederschmerzen äußert, existiert keine Impfung gegen einen grippalen Infekt. Die Grippeschutzimpfung im Herbst wird von der ständigen Impfkommission für Menschen ab 60 Jahre, Schwangere, chronisch Kranke und Immunschwache empfohlen. Gesunde Kinder, Jugendliche und Erwachsene unter 60 Jahren können, müssen aber nicht geimpft werden.

Zwei- bis viermal im Jahr erwischt eine Erkältung Erwachsene. Sie ist damit einer der häufigsten Krankheiten. Und sie verursacht erhebliche Kosten durch Arztbesuche, Ausgaben für überflüssige Antibiotika und freiverkäufliche Arzneimittel, Krankheitstage und eine eingeschränkte Produktivität im Job. Um bei einem grippalen Infekt weiter zu funktionieren, greifen viele Menschen offenbar zu Erkältungsmitteln. Darauf deuten hohe Umsatzzahlen hin. Allein im Jahr 2015 setzten Anbieter mit rezeptfreien Mitteln zur Linderung von Erkältungsbeschwerden 1,8 Milliarden Euro um. Die fünf Kassenschlager: drei abschwellende Nasensprays, ein Hustenlöser, eine Pflanzenmedizin. Aber auch Produkte wie Grippostad C und Aspirin Complex aus unserem aktuellen Test gingen in der vergangenen Erkältungssaison bestens.

Wir haben 15 rezeptfreie Arzneimittel eingekauft: Darunter sind einfache Schmerzmittel mit Vitamin C bis hin zu All-in-one-Produkten. In ihnen stecken bis zu vier Wirkstoffe, die von den Pharmaunternehmen gegen Erkältungsbeschwerden angepriesen werden.

Das Testergebnis

Vorsicht Wirkstoffmix. Gerade einmal ein Produkt, das nur ein Schmerzmittel enthält, können wir mit der Note "gut" empfehlen. Sieben Produkte sind noch "ausreichend". Bei sieben Produkten sehen wir rot: Sie enthalten einen Wirkstoffmix, der bedenklich, nicht sinnvoll, schlicht überflüssig ist oder nichts nützt. Etliche Produkte enttäuschen mit "ungenügend" und Notenabzügen, die unsere Bewertungsskala sprengen.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben in Apotheken vor Ort und im Internet 15 Arzneimittel eingekauft, die die lästigen Symptome einer Erkältung lindern oder wie Angocin Anti-Infekt N die "Beschwerden bei akuten entzündlichen Erkrankungen der Bronchien, Nebenhöhlen (Atemwegsinfekte) ..." bessern sollen. Darunter sind drei Produkte der Marke Wick, die nach eigenen Angaben "weltweit meistverkaufte Erkältungsmarke", sowie Grippostad C und Aspirin Complex, die laut Daten der Marktforscher von ISM Health im Jahr 2015 zu den umsatzstärksten Präparaten bei den Erkältungsmitteln gehörten.

Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel
Ist die Wirksamkeit der Mittel bei Erkältungen stichhaltig belegt und überwiegt der Nutzen die Risiken? Dafür hat Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt in medizinischen Literaturdatenbanken nach Studien gefahndet, diese ausgewertet und den Nutzen und die Risiken der Wirkstoffe und Mittel beurteilt. Zudem hat er die Beipackzettel aller Präparate auf wichtige Gebrauchs- und Warnhinweise durchgesehen.

Die Hilfsstoffe
In den Kapseln, Tabletten, Granulaten und dem Sirup stecken viele weitere Substanzen wie Überzugsmittel, Füllstoffe, Süßstoffe, Aromen oder Alkohol. All diese Stoffe sind im Beipackzettel aufzuführen. Wir haben geprüft, ob Problemstoffe darunter sind.

Die Bewertung
Eine Erkältung verläuft in den meisten Fällen harmlos. Mit Arzneimitteln, die nur einen Wirkstoff enthalten, lassen sich lästige Symptome wie Kopfschmerzen oder eine verstopfte Nase gezielt lindern. Präparate, in denen Schmerzmittel, Vitamin C, schleimhautabschwellende Substanzen oder Hustenmittel in einer bedenklichen, unsinnigen oder überflüssigen Weise miteinander kombiniert waren, erhielten von uns Notenabzüge. Wirkstoffe mit einem ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis werteten wir rigoros ab und ebenso den Zusatz von Allergiemitteln. Für Letztere ist der Nutzen bei einer normalen Erkältung überhaupt nicht belegt.

So haben wir getestet

Wichtiger Hinweis im Beipackzettel, der besser noch auf der Verpackung stehen sollte!