Startseite

ÖKO-TEST September 2016
vom

Lebensmittel aus dem Bio-Supermarkt

Alles bio oder was?

Bio-Supermärkte eröffnen immer neue Filialen. Grund genug, den Eigenmarken von Denn's und Co genauer auf die Finger zu schauen. Das Ergebnis unseres Tests: Die meisten Produkte sind in Ordnung und erfüllen die Erwartungen an Bio. Rucola und Kräutertee haben Probleme.

4238 | 87

25.08.2016 | Hell und freundlich. So präsentiert sich der Bio-Laden Klatschmohn im Zentrum von Gießen. Innen öffnet sich eine Verkaufslandschaft auf 400 Quadratmetern, Lichter setzen Akzente, Regale aus hellem Holz säumen Wände und teilen den Raum. Im hinteren Bereich offerieren gläserne Auslagen Käse, Wurst und Fleisch. Rechts vom Eingang reihen sich Kisten mit buntem Obst und Gemüse, es folgen Brot, Backwaren und ein Bistro - eben alles, was einen modernen Bio-Markt heute ausmacht.

Gefragt danach, wie es denn losging mit der Bio-Bewegung, sagt Georg Rieck, Geschäftsführer von Klatschmohn und ein Mann der ersten Stunde: "Alles fing 1968 mit der Landabgaberente an. Das war der Startschuss für die Politik des ‚Wachse oder weiche'." Landwirte konnten damals eine Rente beantragen, wenn sie ihren kleinen Hof zugunsten eines größeren, entwicklungsfähigeren Betriebes aufgaben. Der Strukturwandel setzte sich fort und erfasste weitere Bereiche. "Immer mehr Tante-Emma-Läden schlossen, kleine Molkereien und Schlachthöfe machten dicht", erinnert sich Rieck. "Es war spürbar, dass eine Spirale in Gang gesetzt worden war, der etwas entgegengesetzt werden musste."

Was es damals bereits gab, waren Reformhäuser und Demeter-Läden. Ein weiterer Impulsgeber sei die kalifornische Späthippiebewegung Rainbow Grocery gewesen, so Rieck. Das war eine Kooperative in San Francisco, die 1975 mit dem Verkauf von biologisch angebautem Gemüse begann.

In diese Zeit fielen auch die ersten Anfänge von Klatschmohn. Es begann 1978 mit einem Männerkollektiv, das sich aber bald nach Indien verabschiedete, erzählt Bio-Laden-Mann Rieck. Es folgte ein Frauenkollektiv und 1984, als er nach dem Agrarstudium selbst dazu kam, bestand das Kollektiv aus fünf Leuten und einigen studentischen Aushilfen. Ein Laden von 18 Quadratmetern war schnell gefunden und mit den wenigen Bio-Waren bestückt, die es damals gab - inklusive eines alternativen Buchsortiments, Anti-AKW-Aufklebern, Wolle und Holzknöpfen. "Es war ein großes Experiment. Keiner von uns dachte ans Geldverdienen oder brachte Kapital mit." Trotzdem mietete man 1986 größere Räume, um Obst und Gemüse, Milch und Milchprodukte erstmals richtig anbieten zu können.

1988 gründete Rieck mit zwei weiteren Partnern schließlich die Firma Klatschmohn Naturkost. In den folgenden Jahren wurden die Sortimente weiter entwickelt, und es kamen neue Kundenkreise hinzu. 2002 folgte dann der Umzug an den heutigen Standort.

Einen ähnlichen Verlauf nahm der Bio-Markt insgesamt - und immer noch zeigt der Trend nach oben. So hat der Arbeitskreis Biomarkt für 2015 eine Steigerung des Gesamtumsatzes mit Bio-Lebensmitteln und -getränken von 11,1 Prozent gemeldet. Den größten Anteil daran hatte mit 55 Prozent allerdings der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel, während im Naturkosthandel rund 32 Prozent erwirtschaftet wurden. Dazu zählen Statistiker sowohl inhabergeführte Naturkostfachgeschäfte wie Klatschmohn, größere Hofläden als auch Bio-Supermärkte mit Verkaufsflächen von mehr als 400 Quadratmetern. Die verbleibenden 13 Prozent teilten sich kleine Hofläden, Bäckereien, Reformhäuser und Wochenmärkte. Nach Informationen des Fachmagazins Biohandel stehen auch in der Bio-Branche die Zeichen auf Strukturwandel. Neueröffnungen gehen demnach fast nur noch auf das Konto der großen Ketten.

Also alles größer und kommerzieller, aber auch besser? Bio-Laden-Besitzer Rieck sieht die Entwicklung des Bio-Marktes durchaus optimistisch. Allerdings - und das sagt er mit Blick auf die Bio-Produkte in Supermärkten und Discountern - vertragen sich kleine Strukturen nicht mit den Anforderungen der großen Handelsketten. "Wenn ein Landwirt heute eine Kuh schlachten lassen will, dann findet er keinen passenden Schlachthof mehr. Er müsste sich an eine der wenigen Großschlachtereien wenden - ein absurdes Unterfangen." Ähnlich ergehe es Getreidebauern, die eine kleine Mühle suchen oder Milchbauern mit wenigen Kühen. "Der zentrale Gedanke der Bio-Bewegung, kleine Strukturen zu erhalten und zu fördern, muss erhalten bleiben", sagt Rieck. Ansonsten gehe zu viel von dem verloren, wofür die Marke Bio steht.

Wir wollten wissen, wie es um die Qualität von Lebensmitteln in Bio-Supermärkten bestellt ist und haben acht verschiedene Produktgruppen bei Alnatura, Denn's Biomarkt, Bio Company und Basic eingekauft und in die Labore geschickt. Ziel war, herauszufinden, ob sich die einzelnen Anbieter in ihrem Qualitätsanspruch unterscheiden oder ob es egal ist, wo man einkauft.

Das Testergebnis

Feine Unterschiede. Apfelsaft und Tofu schneiden durchweg mit "sehr gut" ab. Auch Rapsöl und Weintrauben können wir im Großen und Ganzen empfehlen. Unterschiedlich ist allerdings das Abschneiden von Kaffee, Rucola und Kräutertee.

ÖKO-TEST September 2016

Gedruckt lesen?

ÖKO-TEST September 2016 für 4.50 € kaufen (zzgl. Versand)

Zum Shop

ÖKO-TEST September 2016

Online lesen?

ÖKO-TEST September 2016 für 3.99 € kaufen

Zum ePaper

Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
In den Test einbezogen wurden die vier umsatzstärksten Bio-Supermärkte Denn's Biomarkt, Alnatura, Bio Company und Basic. Die Auswahl der Produktgruppen erfolgte risikoorientiert. Im Einzelnen wurden Rucola, Weintrauben, Kaffee aus ganzen Bohnen, Kräutertee, Tofu, Apfelsaft, Honig und Rapsöl eingekauft. Diese Produkte waren in allen vier Läden als Eigenmarken erhältlich - was für Rucola und Weintrauben nur zum Teil galt. Von Rucola und Weintrauben gelangten je drei unterschiedliche Chargen in den Test, um eine repräsentativere Aussage zu ermöglichen.

Die Inhaltsstoffe
Die Untersuchungen wurden auf die kritischen Punkte der jeweiligen Produktgruppen abgestimmt. So stand bei Kaffee Acrylamid im Mittelpunkt, während das Prüfprogramm für Tofu unter anderem die Untersuchung auf gentechnisch veränderte Bestandteile vorsah. Bei Rucola, Weintrauben, Kräutertee und Honig ging es vor allem um Pestizidanalysen. Zum Teil kamen weitere Prüfungen hinzu, etwa auf Nitrat und Nitrit in Rucola, Phosphonsäure in Weintrauben und Pyrrolizidinalkaloide (PA) in Kräutertee. Natives Rapsöl ließen wir unter anderem sensorisch prüfen, und Honig wurde auf Qualitätsparameter wie die Enzymaktivität oder Erhitzungsparameter untersucht.

Die Weiteren Mängel
Packungen und Auslobungen unterzogen wir einer kritischen Prüfung. Wurden Inhaltsstoffe gefunden, die Zweifel an der Bio-Konformität aufkommen lassen, wurde dies unter den Weiteren Mängeln berücksichtigt.

Die Bewertung
Zu deutlichen Abwertungen führten bedenkliche Inhaltsstoffe wie PA und Nitrat bzw. Nitrit. Dabei ermittelten wir für Rucola und Weintrauben Durchschnittsnoten aus drei Chargen. Wurden Pestizide nachgewiesen, die ab einer gewissen Menge in Bio-Produkten nichts zu suchen haben, führte dies zu einer weiteren Verschlechterung der Gesamtnote.

So haben wir getestet

Äpfel aus vier Ländern? Ja, die Äpfel für diesen Saft sind tatsächlich weit gereist, wie der Stempelaufdruck bestätigt.