Startseite

ÖKO-TEST November 2015
vom

Medizinische Hautcremes mit Hydrocortison

K.O.rtison

Wenn die Haut gerötet ist oder juckt, greifen Betroffene häufig zur Kortisoncreme aus der Apotheke. Allerdings: In sieben der elf getesteten Produkte stecken bedenkliche Hilfsstoffe. Und auch der Wirkstoff selbst ist nicht ohne Risiko.

4320 | 97
Zu diesem Thema ist ein neuer Artikel vorhanden.

30.10.2015 | Wenn Sabine K. nach dem Duschen eine kleine gerötete Hautstelle entdeckt, weiß sie schon, was sie nun erwartet: Demnächst bilden sich kleine Blasen, ein quälender Juckreiz setzt ein. Nach einigen Tagen platzen die Bläschen auf und verkrusten, die Hautstelle wird schuppig: Der typische Verlauf eines Ekzems. Für Sabine K. alltäglich. Ein neues Duschgel, eine veränderte Waschmittelrezeptur - vieles kann bei ihr zu einer solchen allergischen Hautreaktion führen. Ihre Freunde kennen ihn schon, den argwöhnischen Blick auf die Inhaltsstoffe geschenkter Kosmetikprodukte, gefolgt von einem gemurmelten "Das vertrage ich leider nicht ...". Vor allem auf Duftstoffe und Konservierungsmittel reagiert die 32-Jährige empfindlich.

Statistisch liegt die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal im Leben an einem Ekzem zu erkranken, bei fast 100 Prozent. Sowohl körperliche Faktoren wie hormonelles Ungleichgewicht oder Autoimmunerkrankungen als auch äußere Einflüsse können die Entstehung solcher Hauterkrankungen begünstigen. Zu den äußerlichen Faktoren gehören zum Beispiel allergisierende Substanzen, aber auch häufiger Kontakt mit nicht einmal zwangsläufig hautreizenden Stoffen. Selbst Wasser kann dann zu einem sogenannten Abnutzungsekzem führen, indem es das natürliche Fett-Wasser-Gleichgewicht der Hautbarriere durcheinander bringt.

Sabine K. hat die gelegentlichen Überreaktionen ihrer Haut meistens im Griff. Ein kurzes Checken der Inhaltsstoffe genügt, um potenzielle Auslöser zu vermeiden. Wenn es trotzdem mal wieder soweit ist, holt sie sich aus der Apotheke eine kortisonhaltige Creme. Seit 2007 gibt es in Deutschland neben der Cremerezeptur mit 0,25 Prozent auch die höher dosierte mit 0,5 Prozent Hydrocortison rezeptfrei. Das spart den zeitraubenden Arztbesuch. Doch sind diese Cremes deshalb harmlos?

Tatsächlich hat sich der Wirkstoff Kortison zur Behandlung von entzündlichen oder allergischen, nicht durch Bakterien verursachten Reaktionen bewährt. Ärzte setzen ihn in Form von Tabletten, Spritzen oder Infusionen beispielsweise gegen Rheuma oder Tinnitus ein, kortisonhaltige Cremes oder Salben wirken zuverlässig gegen Hauterkrankungen. Zu den äußerlichen Anwendungsgebieten zählen neben Ekzemen auch Sonnenbrand und entzündete Insektenstiche - nicht zuletzt, weil Kortison den lästigen Juckreiz verlässlich bekämpft. Für den medizinischen Einsatz ist die heilende Substanz in vier Wirkklassen eingeteilt, Hydrocortison gehört zu den schwach wirksamen Vertretern der Klasse 1. Es gleicht in seiner Zusammensetzung dem körpereigenen Hormon Kortisol, das in den Nebennierenrinden produziert wird und dafür sorgt, dass Immunreaktionen nicht allzu heftig ausfallen. Auch das auf die Haut aufgetragene Hydrocortison hemmt die Immunreaktion. Allerdings unterdrückt es gleichzeitig natürliche Alarmsignale des Körpers, der so kaum zeigen kann, was mit ihm nicht stimmt.

Das Hydrocortison bekämpft zwar die Symptome, nicht aber die Ursache der Hauterkrankung. Der Wirkstoff führt sozusagen das Immunsystem an der Nase herum und kann es auf lange Sicht sogar schwächen. Gleichwohl, betont Manfred Schubert-Zsilavecz, der als Professor der pharmazeutischen Chemie für ÖKO-TEST Medikamente und ihre Anwendungshinweise bewertet: "In den vergangenen Jahrzehnten konnten wir sehen, dass es sich bei Hydrocortison um ein gut verträgliches und mildes Kortison handelt." Vorausgesetzt, die Creme wird nur während eines begrenzten Zeitraums angewendet und enthält keine bedenklichen Hilfsstoffe.

Dennoch sollten insbesondere Menschen, die häufig an Ekzemen leiden oder regelmäßig heftig auf Insektenstiche reagieren, nicht ständig und leichtfertig zur Kortisoncreme greifen. In vielen Fällen kann ein Allergietest Klarheit schaffen und so helfen, die Auslöser gezielt zu therapieren. Spätestens wenn nach zweiwöchiger Anwendung keine Besserung eingetreten ist, ist ein Arztbesuch ohnehin unumgänglich. Denn möglicherweise handelt es sich um eine Hauterkrankung, die gar nicht auf die Behandlung mit Hydrocortison anspricht oder sogar durch den Wirkstoff noch verschlimmert wird. Nicht zuletzt können auch schwach wirksame Glukokortikoide wie Hydrocortison bei unsachgemäßer Anwendung Nebenwirkungen auslösen. Medizinischer Rat ist auch dann sinnvoll, wenn sich für die Hautreaktion keine körperliche Ursache finden lässt. Stress, Ängste oder Depressionen bahnen sich über die Haut oft ihren spür- und sichtbaren Weg nach außen. Neurodermitisgeplagte kennen dieses Phänomen, aber auch eigentlich hautgesunde Menschen kann es treffen.

Wir haben elf Hydrocortison-Cremes - einige enthalten 0,25 Prozent des Wirkstoffs, andere 0,5 Prozent - in die Labore geschickt und die Inhaltsstoffe und die Anwendungshinweise ganz genau prüfen lassen.

Das Testergebnis

Mittelmäßig. Vier Cremes schafften ein "sehr gut". In deren Packungsbeilage sind alle wichtigen Informationen aufgeführt und sie enthalten keine bedenklichen Hilfsstoffe. Bis auf einen Ausreißer bewegen sich die übrigen Cremes im Mittelfeld, weil wir die darin eingesetzten Hilfsstoffe kritisieren. Das schlechteste Produkt im Test, bringt es auf so viele Mängel, dass es in der Summe nur für ein "mangelhaft" gereicht hat.

ÖKO-TEST November 2015

Gedruckt lesen?

ÖKO-TEST November 2015 für 4.50 € kaufen (zzgl. Versand)

Zum Shop

ÖKO-TEST November 2015

Online lesen?

ÖKO-TEST November 2015 für 3.99 € kaufen

Zum ePaper

Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Da die elf medizinischen Hautcremes mit Hydrocortison zwar rezeptfrei erhältlich, aber apothekenpflichtig sind, haben wir sie natürlich auch dort eingekauft. 20 Gramm der günstigsten Salbe gab es für 5,00 Euro, für die gleiche Menge der teuersten Creme zahlten wir 11,96 Euro.

Das Pharmakologische Gutachten
Unseren wissenschaftlichen Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie an der Goethe-Universität Frankfurt, haben wir mit der Begutachtung der Präparate beauftragt. Er hat auch einen kritischen Blick auf die Packungsbeilagen geworfen, damit der Verbraucher ein Produkt richtig anwenden und so Neben- oder Wechselwirkungen vermeiden kann. Denn Hydrocortison-Cremes können die Haut ausdünnen. Dass einige Hilfsstoffe hautreizend sind und Paraffin die Reißfestigkeit von Kondomen beeinträchtigen kann, sind unerlässliche Informationen.

Die Hilfsstoffe
Neben dem Wirkstoff selbst bestehen medizinische Cremes aus vielen weiteren Bestandteilen, den sogenannten Hilfsstoffen. Einige davon, wie PEG/PEG-Derivate, erkennt man auf den ersten Blick, auf andere Inhaltsstoffe wie MOAH, Formaldehyd/-abspalter, halogenorganische Verbindungen und allergisierende Duftstoffe ließen wir sie in den Laboren überprüfen.

Die Bewertung
Enthalten die Cremes bedenkliche Hilfsstoffe, werten wir das ab. Fehlen in der Packungsbeilage wichtige Informationen zur korrekten Anwendung, führt auch das zu Punktabzug. Beide Aspekte sind essenziell für die Unbedenklichkeit des Produktes. Daher kann das Gesamturteil nicht besser als eines der Testergebnisse sein.

So haben wir getestet

Packungsbeilage beachten: Nebenwirkungen können auch bei schwach wirksamen Kortisonpräparaten auftreten.