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ÖKO-TEST September 2015
vom

Anti-Aging-Pflegelinien

Dreifaltigkeit

Das Altern lässt sich aufhalten! Zumindest möchte uns die Kosmetikindustrie das glauben machen. Auch die Naturkosmetikbranche bietet Anti-Aging-Kosmetika an. Wir haben uns jeweils drei Produkte aus zwölf "grünen" Produktlinien angeschaut. Die Inhaltsstoffe überzeugen uns - die Wirkversprechen allerdings nicht.

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28.08.2015 | Kaum ein Kosmetiksegment wirbt mit vollmundigeren Schlachtrufen als das der Anti-Aging-Produkte. Schon im zarten Alter von 25 sollte Frau am besten mit der Antifaltenvorsorge beginnen, spätestens mit 30 bestehe akuter Handlungsbedarf, propagieren die Hersteller. Ganze Serien werden entwickelt, die tagsüber und nachts, für jede Gesichtspartie und in jedem Alter, für alle Hauttypen und jedwede Faltentiefe das passende Rundum-sorglos-Paket bieten wollen.

Auf diesen Zug ist auch die Naturkosmetikbranche aufgesprungen, denn auch ihre Zielgruppe wird dank des demografischen Wandels immer älter. Insgesamt ist laut den Marktforschern der Information Resources GmbH (Iri) der Umsatz im Naturkosmetiksegment Gesichtspflege im Jahr 2014 um 12,6 Prozent gestiegen - Anti-Age und die Pflege für reife Haut seien dabei die größten Wachstumstreiber, so Iri-Mitarbeiterin Kristina Thum. Ein großer Teil davon entfalle auf kleine und neue Marken, die in der Statistik allerdings nicht einzeln erfasst seien.

An großen Worten sparen auch die Naturkosmetikhersteller nicht. So verspricht etwa der Anbieter der Tages- und der Nachtcreme von Dr. Scheller "maximale Anti-Aging-Wirkung", der Anbieter der Mádara Time Miracle Tagescreme gar eine stimulierte "Produktion der ,Jugend-Proteine'" und - wie auch für das Pendant für die Nacht - schlicht einen Effekt "als hätten Sie die Zeit zurückgedreht". Doch wie groß dürfen die Worte eigentlich sein? Dieser Frage hat sich vor zwei Jahren die EU-Kommission gewidmet und neben der Neuauflage der Kosmetikverordnung, die die Inhaltsstoffe regelt, schärfere Kriterien für Werbeaussagen festgelegt. Unter anderem dürfen Werbeversprechen zur Wirkung eines Produkts demnach "nicht über das hinausgehen, was die vorhandenen Nachweise belegen" - das müssen die Hersteller den Behörden in Form von Wirksamkeitsstudien beweisen. Diese dienen allerdings in der Regel nur dem "Claim-Support", sie belegen also nur genau so viel, wie auf Grundlage der Studienergebnisse so hochtönend wie möglich und so schwammig wie nötig formuliert wird.

Dass ein Produkt mithilfe feuchtigkeitsspendender Inhaltsstoffe die Haut etwas aufpolstert und so kleine Fältchen und eine raue Hautstruktur kurzzeitig optisch verschwinden lässt, darf man sogar glauben. Doch das kann eine gute Feuchtigkeitscreme auch - und kostet dabei häufig weitaus weniger. Das allerdings wird auf der Verpackung nicht zu lesen sein. Und letzten Endes sollte sich die Verbraucherin ohnehin die Frage stellen: Wären die Botoxindustrie und all die Schönheitschirurgen nicht längst arbeitslos, wenn man den Falten tatsächlich nur mit ein paar Cremes beikommen könnte?

Einige Substanzen könnten zwar durchaus "über Feuchtigkeit kleine Knitterfältchen ausgleichen", Pigmentflecken beeinflussen oder gegen freie Radikale wirken, erklärt Professorin Christiane Bayerl, Direktorin der Klinik dür Dermatologie und Allergologie an der Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden. Radikalfänger, zum Beispiel das Coenzym Q10 und Vitamin E, die auch in der Naturkosmetik gerne eingesetzt werden, und Cremes mit UV-Schutz wirken aber eher präventiv gegen äußere Einflüsse wie die Sonneneinstrahlung. Gegen bereits vorhandene, tiefe Falten könnten auch sie nichts ausrichten, sagt Bayerl.

Auch wenn die Anti-Aging-Auswahl in der Naturkosmetik immer weiter wächst, spielen nicht alle Anbieter das Spiel mit. Naturkosmetikherstellerin Martina Gebhardt etwa positioniert sich mit ihrer Kosmetiklinie Happy Aging als Gegenpol zum "Anti"-Trend. ",Anti' bedeutet Widerstand und richtet sich letztlich gegen uns selbst und damit gegen unsere Fähigkeiten, uns zu regenerieren. ,Anti' macht alt!" - mit diesen Worten bewirbt Gebhardt ihre Linie als Wohlfühlpflege für reife Haut. "Das Altern als negative Lebensphase zu sehen, ist der falsche Ansatz. Das geht über die Kosmetik hinaus. Man wird verbissen und verbittert, und das sieht man sofort an den Gesichtszügen", betont die 56-Jährige.

Für die Unternehmerin ist die Naturkosmetikherstellung zudem mit einer Berufsethik verbunden, die es verbiete, "mit der Angst Geschäfte zu machen". Anti-Aging-Produkte teurer zu verkaufen, obwohl sie keine teureren Inhaltsstoffe enthielten, sei ein weiterer Aspekt dieser problematischen Entwicklung. Deshalb werde es von Martina Gebhardt auch in Zukunft keine Anti-Aging-Linie geben. Als einen Grund dafür, dass trotzdem immer mehr Naturkosmetikhersteller in Sachen Anti-Aging mitmischen, sieht Gebhardt den "derzeitigen besonders starken Wettbewerb in diesem Segment". So bewegten sich die Naturkosmetik und ihre Zertifizierer immer weiter in Richtung der konventionellen Kosmetik - und profitierten dabei dennoch von dem positiven Image der Branche beim Verbraucher. Gebhardts Ratschlag: "Jeder, der sich interessiert, sollte sich die zugelassenen Inhaltsstoffe genau anschauen, also nicht blind vertrauen und keinem Trend hinterherrennen."

Wir haben uns die Inhaltsstoffe und Wirkversprechen der "grünen" Anti-Aging-Linien genauer angesehen und je drei Produkte von insgesamt zwölf Marken untersucht: eine Creme für den Tag, eine für die Nacht und eine Augencreme. Bis auf drei Produkte tragen alle eine Naturkosmetikzertifizierung von BDIH, Natrue oder Ecocert.

Das Testergebnis

Gute Zutaten, überzogene Versprechen. Die Inhaltsstoffe der "grünen" Anti-Aging-Linien halten, was sie versprechen - hier hatten wir bei keinem der insgesamt 36 Produkte etwas zu beanstanden. Problematisch wird es, wenn die Hersteller die Wirksamkeit ihrer Produkte belegen sollen. Beweisen, dass die Anti-Aging-Produkte einer normalen Feuchtigkeitscreme etwas voraushaben, konnte kein Hersteller. Dennoch haben es zehn Produkte auf ein "gutes" Gesamturteil gebracht.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Der Einkauf gestaltete sich nicht ganz einfach, denn zum einen sollte eindeutig eine Antifalten- oder Anti-Aging-Wirkung ausgelobt, zum anderen von jeder Marke drei vergleichbare Produkte im Test sein. Unsere Wahl fiel schließlich auf zwölf Linien, die jeweils eine Tagescreme, eine Nachtcreme und ein weiteres Pflegeprodukt fürs Gesicht - in den meisten Fällen eine Augencreme - bieten. Gekauft haben wir sie in der Drogerie, im Reformhaus oder im Naturwarenladen. Für die preisgünstigste Linie haben wir dabei insgesamt 10,25 Euro bezahlt; drei Produkte der teuersten Linie kosteten zusammen 149,70 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Wie bei jedem Kosmetiktest haben wir auch die Anti-Aging-Linien im Labor genau unter die Lupe nehmen lassen und sie auf problematische Stoffe wie Formaldehyd/-abspalter, Diethylphthalat und Moschus-Verbindungen überprüft. Aber auch allergisierende Duftstoffe standen auf der Laboragenda. Außerdem haben wir in aluminiumhaltigen Produkten den genauen Gehalt bestimmen lassen.

Die Weiteren Mängel
Vor allem hochpreisige Kosmetika werden in der Regel mit Umkarton verkauft. Schützt er Glas, ist er sinnvoll - steckt darin nur Plastik, werten wir ab. Um die ausgelobte Wirksamkeit zu belegen, haben wir die Hersteller gebeten, uns vollständige und produktbezogene Studien zu schicken. Auszüge oder Wirksamkeitsbelege einzelner Inhaltsstoffe haben wir nicht akzeptiert.

Die Bewertung
Weil wir bei den Inhaltsstoffen nichts zu beanstanden hatten, haben in diesem Test ausschließlich die Weiteren Mängel zu Punktabzug geführt. Wer uns keine vollständige Studie explizit zum getesteten Produkt vorgelegt hat, bekommt die meisten Minuspunkte. Wurde uns zwar eine Studie geschickt, die jedoch keinen Vorteil des Produkts gegenüber einer herkömmlichen Pflegecreme belegt, führte das ebenfalls zur Abwertung - wenn auch nicht ganz so stark.

So haben wir getestet

Wie schön wäre es, selbst tiefe Falten einfach wegcremen zu können. Funktioniert leider nicht.