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ÖKO-TEST Juli 2016
vom

Eis für Kinder

Schleck oder Dreck?

Eis im Sommer - für viele Kinder eine Grundmahlzeit. Bei sieben der getesteten 16 Eissorten müssen wir allerdings abwinken. Sie enthalten Aromen unklarer Herkunft, zu viel vom Dickmacher Zucker und teils auch krebserregende Fettschadstoffe. Immerhin: Ein Produkt können wir empfehlen.

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30.06.2016 | Tagein, tagaus, Dutzende Lastwagen, voll mit kalter, süßer Fracht: Im beschaulichen Heppenheim am Rande des Odenwalds läuft eine der größten Eismaschinen Europas. Das Werk gehört dem weltweit führenden Eisverkäufer: Unilever. Jährlich fallen dort nach eigenen Angaben mehr als 1,5 Milliarden Portionen der Marke Langnese vom Band - mit Calippo und Flutschfinger auch bekannte Kinderprodukte.

Die Lebensmittelkonzerne Unilever und Nestlé dominieren das Geschäft. Laut den Marktanalysten Euromonitor verkaufen sie hierzulande allein ein Drittel des abgepackten Speiseeis. Mit fünf weiteren Firmen vertreiben sie dem Verband der Deutschen Süßwarenindustrie zufolge mehr als 80 Prozent. 2015 setzte die Branche demnach bundesweit rund zwei Milliarden Euro um.

Ganze 6,4 Liter Fabrikeis verputzten die Deutschen pro Kopf - rund 192 Kugeln. Einzelware aus Tankstellen und Kiosken macht davon jährlich nur einen Bruchteil aus. Das Gros schlecken Erwachsene und vor allem der Nachwuchs aus Haushalts- und Multipackungen. Aber gibt es das überhaupt, Kindereis? Nein, erklärt die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen (LUA). Kindereis, so die Experten, sei eine reine Fantasiebezeichnung für Speiseeis, das den Nachwuchs durch bunte Aufmachungen oder auffällige Färbung ansprechen soll. Derartige Produkte unterliegen laut LUA den gleichen rechtlichen Vorschriften wie Speiseeis allgemein. Sie könnten zwar den Eindruck erwecken, besonders für die Kinderernährung geeignet zu sein. Es existierten aber keine speziellen Vorgaben. Das hält die Industrie nicht ab, etwa mit bunten Siegel, Eltern vorgeblich kindgerechte Portionen, Kalorien- und Zuckermengen zu garantieren.

Gesundes Eis, das ist jedoch per se ein schwieriges Unterfangen: "Eis ist eine Süßware. Süßwaren enthalten in der Regel viel Energie in Form von Zucker und eventuell auch Fett, aber kaum lebensnotwendige Nährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe", stellt Prof. Sabine Ellinger von der Hochschule Niederrhein klar. Die hohe Energiedichte von Eis sei daher grundsätzlich ungünstig, weil man vergleichsweise viel davon essen müsse, bis man satt sei, so die Ernährungswissenschaftlerin. Eis zähle daher wie andere Süßwaren zu den geduldeten Lebensmitteln oder auch Extras. "Klar, Kinder lieben sie, brauchen sie aber eigentlich nicht", sagt auch Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Ihr Anteil sollte daher nicht mehr als zehn Prozent des täglichen Energieverbrauchs betragen. Entscheidend sei ihre Einbettung in eine ausgewogene, vollwertige Ernährung und das Erlernen eines maßvollen Umgangs.

Gerät der aus den Fugen, machen Zucker und Fett dick und krank. "Wenn sich ein schlankes Kind viel bewegt, kann es auch ohne Probleme mal ein stark gezuckertes Eis essen. Wenn ein Kinder aber träge und bereits übergewichtig ist, dann kann schon eine kleine Eisportion zu viel sein", erläutert Dr. Hermann Kahl. Der Kinderkardiologe warnt vor zu viel gezuckerten Lebensmitteln. Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf- und Gelenkerkrankungen, Diabetes bis hin zu psychischen Problemen seien die Folge. "Kinder machen zu viele Süßigkeiten hyperaktiv und unkonzentriert. Ab einem bestimmten Level besitzt ihr Konsum Suchtcharakter." Adipöse Kinder seien sehr schwer zu entwöhnen.

Wir wollten wissen, welche Qualität Speiseeis besitzt, das die Zielgruppe Kinder knallbunt umwirbt. Lassen sich Schadstoffe nachweisen? Und vor allem: Sind die Zuckermengen in den Bechern und an den Schleckstielen noch vertretbar? Dazu haben wir 16 Eis aus Supermarkt-Kühltruhen eingekauft: die eine Hälfte auf Wasser-, die andere auf Milchbasis.

Das Testergebnis

Uncool: Nur ein Eis können wir als "gute" Schleckerei empfehlen. Notenabzug gibt es vor allem für ernährungsphysiologisch ungünstige Zuckermengen sowie Aromenzusätze. Neun Eis bewerten wir so noch mit "befriedigend", vier mit "ausreichend". Von zwei Produkten raten wir mit "mangelhaft" und "ungenügend" ab.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
In unserem Einkaufskorb landeten 16 Eis-Multipacks aus Supermarkt-Kühltruhen: die eine Hälfte auf Wasserbasis, die andere auf Milchbasis. Die Anbieter bewerben sie entweder als Eis für Kinder oder Produktname und -gestaltung richten sich an Kinder.

Die Inhaltsstoffe
Gehörten Fruchtanteile zur Rezeptur, ließen wir nach Pestiziden fahnden. Stand Palmöl auf dem Karton, analysierten Chemiker das Eis auf die Fettschadstoffe 3-MCPD-und Glycidylester. Auf Chlorat, Perchlorat und Schwermetalle haben wir alle Produkte gecheckt. Zudem prüften wir, ob unerwünschte Zusätze wie kritische Farbstoffe oder Vitamine in dem Eis stecken und welcher Art das zugesetzte Aroma ist. Um die Qualität beurteilen zu können, ließen wir die angegebenen Zucker- und Fettgehalte bestimmen.

Die Bewertung
Schadstoffe und unnötige Zusätze sind keinem Kind zuzumuten. Auch ein übermäßiger Zuckergehalt ist ernährungsphysiologisch nicht akzeptabel. Ins Gewicht fallen auch "Weitere Mängel": irrige Auslobungen, etwa über den Verzicht auf künstliche Aromen, oder vollmundige Bezeichnungen als Fruchteis, wenn kaum Frucht im Eis steckt.

So haben wir getestet

Aufbereitung im Reagenzglas: In der Eismasse der Speiseeissorten für Kinder fahndete ein akkreditiertes Labor nach Fettschadstoffen.