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19 Kesselchips im Test

ÖKO-TEST Juni 2016
vom 25.05.2016

Kesselchips

Heimat in Tüten

Tradition und Authentizität: Schlagworte eines neuen deutschen Genusstrends. Auch die Hersteller von Kesselchips versprechen ehrliches Handwerk. Sind sie also wirklich der bessere Snack? Immerhin: Zwei von 19 Produkten können wir halbwegs guten Gewissens empfehlen.

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25.05.2016 | Auf einem kleinen Holzschemel stehend rührt David bedächtig mit einem großen Löffel im Kessel mit der Aufschrift "No. 2". Zum Schutz vor dem heißen Sonnenblumenöl hat er sich eine derbe Lederschürze umgebunden. Nach schier endlosen Minuten des Rührens und zahlreichen prüfenden Blicken schöpft er schließlich in kleinen Portionen die kross gebackenen, goldgelben Kartoffelscheiben aus dem Kessel und gibt sie an seine Kollegin weiter. Die widmet sich der snackgewordenen Handwerkskunst mit einer fein abgestimmten Würzmischung. In Tüten verpackt verlässt das traditionelle Gebäck, handgefertigt von Kennern ihres Faches, anschließend die Manufaktur und macht sich auf den Weg in die Verkaufsregale der Republik - um schließlich auf unseren nach unverfälschtem, echtem Genuss gierenden Geschmacksknospen ein Feuerwerk der Sinne zu entfachen.

Szenen wie diese laufen als Werbefilm mit Sepiafilter vor dem inneren Auge ab, wenn man die Beschreibungen auf den Kesselchipstüten liest: "Handgerührt", "Aus handverlesenen Kartoffeln aus Deutschland" und "Hergestellt im traditionellen Familienbetrieb". Auf einigen der Verpackungen ist sogar abgedruckt, welcher Mitarbeiter zu welcher Uhrzeit und in welchem Kessel die Chips durchs heiße Öl bewegt haben soll. Jochen Krumm, der mit seiner Firma Aroma Snacks neben mehreren Handelsmarken auch die nach seiner Frau benannte Bioland-zertifizierte Marke Lisa's Kartoffel-Chips herstellt, setzt aus zwei Gründen auf diese Art der Personalisierung: "Zum einen ist der Mitarbeiter tierisch stolz darauf, zum anderen schreiben uns bei Facebook Leute, dass sie nur die Chips von einem bestimmten Mitarbeiter essen. Deshalb haben wir auch QR-Codes auf die Packung gedruckt. Wenn Sie die einscannen, gelangen Sie zum Steckbrief unserer Chipsköche", berichtet er. Für kleinere Hersteller, die sich keine großen Werbekampagnen leisten, bieten die modernen Medien so eine ausgezeichnete Plattform.

Tradition, Ehrlichkeit, Handwerk: In einer immer stärker globalisierten Welt sind das die Sehnsuchtswerte, auf denen auch der Erfolg uriger Craft-Beer-Brauereien, kleiner Kaffeeröstereien und charmanter Cupcake-Cafés gründet. Die Gentrifizierung ganzer Stadtviertel, wie sie in vielen Großstädten zu beobachten ist, lebt von diesem Verlangen nach dem Kleinen, Überschaubaren - nach dem Gefühl von Heimat, das in den endlosen, anonymen Menschenströmen irgendwo zwischen Shoppingtempel und Verkehrsdrehkreuz verloren gegangen ist.

Das Prinzip gilt auch für die Kesselchips: Sozusagen als unumstößlichen Beweis ihrer Unverfälschtheit dürfen die Kartoffelscheiben sogar ihre Schale behalten. Handfest und rustikal wirken sie auch deshalb, weil sie bis zu dreimal dicker sind als die herkömmlichen Kartoffelchips, die in endlos langen Durchlauffritteusen mit bis zu 20.000 Litern Öl produziert werden. Die traditionelle Herstellung der Kesselchips läuft langsamer und schonender ab: In die Behälter, in denen sie frittiert werden, passen nur etwa 2.000 Liter Öl und rund 50

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Kesselchips stammen ursprünglich aus den USA und Großbritannien. Seit sie ihren Weg nach Deutschland gefunden haben, finden sie immer mehr Fans: Discounter, Supermärkte und auch viele Bio-Märkte haben sie in ihr Sortiment aufgenommen. Dort haben wir sie auch gekauft - exotischere Sorten haben wir im Internet bestellt. Die Kesselchips im Test kosten zwischen 86 Cent und 3,18 Euro pro 100 Gramm. Angeboten werden die Tüten in allen möglichen Varianten zwischen 100 und 150 Gramm.

Die Inhaltsstoffe
Kartoffeln sind die Hauptzutat der Kesselchips. Als Naturprodukt sind sie anfällig für Umwelteinflüsse und Schädlinge, die die Landwirte auf dem Feld und bei der Lagerung bekämpfen wollen. Deshalb haben wir die Chips im Labor auf Pestizidrückstände testen lassen. Außerdem standen der Salz- und Fettgehalt, Acrylamid und das potenziell krebserregende 3-MCPD, das bei der Raffination von Fetten und Ölen entsteht, auf der Agenda.

Die Weiteren Mängel
Versprechen die Hersteller etwas, das sie nicht halten können? Werden unrealistische Portionsgrößen zur Berechnung von Kalorien und Nährstoffen herangezogen? Und wie stark unterscheiden sich die deklarierten Salz- und Fettmengen von denen, die das Labor gemessen hat? Das haben wir uns ganz genau angesehen.

Die Bewertung
Wenn das Labor problematische Substanzen in Lebensmitteln nachweist, legen wir unseren Berechnungen eine Portionsgröße zugrunde, um die tatsächliche Gesundheitsbelastung zu beurteilen. Die von vielen Herstellern angegebenen 25 bis 30 Gramm halten wir allerdings für unrealistisch wenig. Um zu berechnen, ob Acrylamid, 3-MCPD oder andere Substanzen unsere Abwertungsgrenzen überschreiten, haben wir deshalb eine Portion von 75 Gramm angenommen.

So haben wir getestet

Sind 30 Gramm eine realistische Portion?

So haben wir getestet

Wir meinen: Chipsfans verputzen locker eine halbe Tüte.