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ÖKO-TEST April 2016
vom

Superfood

Supertox

Superfoods sollen gesund sein, sind tatsächlich aber teils massiv mit Pestiziden, Mineralöl, Cadmium und weiteren Schadstoffen belastet, wie unser Test zeigt. Auch die Werbung mit überdurchschnittlichen Gehalten an Vitaminen und Mineralstoffen ist ein Schuss in den Ofen, denn Superfoods sind schlicht überflüssig. Die Ergebnisse einer Nachuntersuchung zu den Chiasamen von Aldi Süd finden Sie bei der Inhaltsangabe unseres Magazins.

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31.03.2016 | Der Hype um die sogenannten Superfoods nimmt kein Ende: Tageszeitungen liefern beinahe wöchentlich neue Berichte, Frauenzeitschriften überschlagen sich mit bunten Bildchen und Rezepten. Und auch der Kochbuchmarkt boomt: grüne Smoothies, Clean Food, vegane Küche - all das verkauft sich mit Superfoods offenbar noch mal so gut.

Aber was hat es mit dem super Essen auf sich? Einsteiger können sich in Onlineportalen einen ersten Überblick verschaffen. Schnell wird klar, dass vor allem Produkte aus fernen Ländern angepriesen werden, wie Chiasamen aus den Anden oder Gojibeeren aus China.

Superfoods im engeren Sinn werden meist als Pulver, Samen oder Extrakt angeboten. Sie sollen vorzugsweise Smoothies oder Müsli aufwerten. Der Knackpunkt sind aber wohl die wundersamen Wirkungen, die versprochen werden. Chiasamen etwa sollen gegen Blutzuckerstress, Schlaganfallrisiko und Herzinfarktgefahr wirken. Gojibeeren und Moringablätter gelten als Anti-Aging-Mittel und Hanfsamen sollen Müdigkeit und Erschöpfung vertreiben. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Allein wissenschaftliche Belege sucht man vergebens. Stattdessen wird mit hohen Gehalten an Vitaminen, Mineralstoffen, sekundären Pflanzenstoffen oder Enzymen geworben. "Superfood wird meist ein besonders großes antioxidatives Potenzial nachgesagt", sagt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Dieses lässt sich im Reagenzglas messen und wird gelegentlich als ORAC-Wert angegeben." ORAC bedeutet Oxygen Radical Absorbance Capacity und besagt, wie viele freie Radikale mit einem Gramm Saft oder Frucht neutralisiert werden können. "Die ORAC-Werte sind jedoch reine Laborwerte. Die bei der Messung ablaufende Reaktion findet so im menschlichen Körper gar nicht statt."

Dessen ungeachtet haben es Superfoods mittlerweile bis in die Regale von Discountern und Supermärkten geschafft. Dabei freuen sich längst nicht alle Hersteller über den Hype. Für Chiasamenanbieter Duria Global ist der Begriff Superfoods ein reiner Marketinggag. "Chiasamen haben ein überdurchschnittliches, außergewöhnliches Nährstoffprofil. Das steht für uns im Mittelpunkt - und nicht die vielen Versprechungen." Frank Friedrich von der Firma Natur Arten fügt hinzu, dass Hersteller ihre Produkte schon allein deshalb als Superfood kennzeichnen müssten, weil sich der Handel dies wünsche. Auch Zusätze wie "vegan" oder "Rohkost" seien sehr willkommen.

Dennoch stellt sich die Frage: Wenn die Produkte schon wenig bewirken, sind sie dann wenigstens unbedenklich? Zumindest bei Chiasamen ist man sich da offenbar nicht ganz sicher. So fehlen in Europa bislang Erfahrungen und Daten über die Auswirkungen eines langfristigen Verzehrs, weshalb die Ölsaat seit 2013 als neuartiges Lebensmittel zugelassen ist - verbunden mit der Auflage, die Samen ausschließlich vorverpackt und mit dem Hinweis auf eine maximale tägliche Aufnahme von 15 Gramm an den Verbraucher abzugeben.

Unbedenklich sollten Superfoods natürlich auch in Hinblick auf problematische Inhaltsstoffe sein. Mineralölkohlenwasserstoffe zum Beispiel. Das ist ein Thema, mit dem sich das Berliner Unternehmen Lebepur seit Jahren befasst. Lebepur bietet seit 2010 eine breite Palette an Bio-Pflanzenpulvern an. Ausgelöst durch einen hohen Mineralölfund in einem Gerstengraspulver vor zwei Jahren habe man den gesamten Produktionsprozess umgestellt, um Einträge von Mineralöl während der Verarbeitung auszuschließen, erklärt Geschäftsführer Thomas Straßburg. Auch Lagerung und Verpackungen seien optimiert worden. "In weiterführenden Analysen stellte sich heraus, dass bereits frisches, mit dem Messer geerntetes Weizengras geringe Verunreinigungen aufweist." Erklären kann sich Straßburg diesen Befund nur durch den Eintrag von Feinstaub. Während der Wachstumsperiode komme es immer wieder zu erhöhten Konzentrationen, etwa durch Heizungen, Industrieemissionen oder Abgase. Ölpartikel könnten sich dann auf den Pflanzen ablagern.

Der Geoökologe Dr. Marcel Langner vom Umweltbundesamt will eine solche Kontamination über die Luft nicht ausschließen. "Aufgrund mangelnder Daten lässt sich aber nicht sagen, ob Feinstaub einen signifikanten Beitrag leistet." Eine Verunreinigung könne auch vom Boden ausgehen und sei zudem sehr vom individuellen Standort abhängig.

Für den konventionellen Chiasamenanbieter Duria Global steht der direkte Kontakt zu den Produzenten an erster Stelle. "Wir kaufen unsere Ware ohne Zwischenhändler", sagt Dr. Andreas Voth, einer der Unternehmensgründer. "Sich allein auf Zertifikate von Lieferanten zu verlassen, ist bei Weitem nicht ausreichend." Um die Qualität der Ware zu gewährleisten, prüfe man darüber hinaus jeden, in die EU eingeführten Container durch ein unabhängiges Labor. Großen Wert lege man auch auf die sensorische Qualität der Chiasamen.

Uns interessierte in erster Linie die Belastung mit Schadstoffen. Wir ließen 22 Produkte einkaufen und in spezialisierten Laboren untersuchen.

Das Testergebnis

Gar nicht super. Mineralöl, Blei und Cadmium, dazu überhöhte Funde von Pestiziden - so super, wie man es gern hätte, ist Superfood keineswegs. Im Gegenteil: Mehr als zwei Drittel der Produkte fallen mit einem "ungenügend" oder "mangelhaft" durch. Nur zwei Produkte erreichen ein "sehr gut" bzw. "gut". Enttäuscht haben uns insbesondere viele Bio-Produkte: Zwei von ihnen sind nicht einmal verkehrsfähig.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Superfoods fand unser Einkäufer in Bio-Läden, Reformhäusern, Supermärkten und sogar bei Aldi Süd. Im Test landeten hauptsächlich Chiasamen, Gojibeeren und Hanfsamen, außerdem Weizengras, Algenpulver und Rohkakao sowie weitere, einzelne Produkte. Die Produkte sind nicht immer als Superfood gekennzeichnet. Wesentlich für die Auswahl waren einschlägige Listen etwa in Onlineportalen.

Die Inhaltsstoffe
Im Fokus standen Rückstände und Verunreinigungen. So ist bekannt, dass Gojibeeren erheblich mit Pestiziden belastet sein können. Von Algenprodukten weiß man, dass sie große Mengen an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) enthalten können. Auf Mineralöl ließen wir testen, da mit einem Eintrag durch dieselbetriebene Trocknungsanlagen oder Ähnliches zu rechnen ist. Weiterhin ging es um die Belastung mit Keimen. Denn Superfoods werden nicht nur bei niedrigen Temperaturen hergestellt, sondern üblicherweise auch roh verzehrt.

Die Deklaration
Die Etiketten nahmen wir wie gewohnt kritisch unter die Lupe. Wir schauten, ob nicht erlaubte gesundheitsbezogene Aussagen gemacht werden und ob die Kennzeichnung transparent und eindeutig ist.

Die Bewertung
Superfoods sind überflüssig, denn normale Lebensmittel versorgen uns mit allen Nährstoffen, die wir brauchen. Umso schlimmer, wenn viele Superfoods auch noch hoch mit Mineralöl, Cadmium, Blei oder PAK belastet sind, so dass nur ein "ungenügend" bleibt. Werden gesetzliche Höchstmengen überschritten, ist ohnehin die rote Karte fällig. Unglaublich: Eine Probe Bio-Chiasamen und ein Bio-Rohkakao sind noch nicht einmal verkehrsfähig.

So haben wir getestet

Weizengraspulver wird für die Bestimmung von Schimmelpilzgiften vorbereitet.