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ÖKO-TEST Juni 2016
vom

Mittel gegen Reisekrankheiten

Gar nicht so übel

Schwindel und Erbrechen können die Urlaubsfahrt richtig verhageln. Das Gros der getesteten Präparate bringt Reisekranke im Auto, Zug oder auf dem Schiff aber wieder auf Kurs.

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25.05.2016 | Ein Utensil fürs Erbrechen bereitet erstaunlich vielen Menschen Freude: Kotztüten aus Flugzeugen. Ausgefallene Designs und aufgedruckte Sprüche wie "Vielen Dank für ihre Kritik" oder "Take it with a smile" machen sie bei Sammlern begehrt. Auf unzähligen Webseiten präsentieren und tauschen Hunderte ihre Spuckbeutel. Niek Vermeulen hält seit 1986 den Guinness-Weltrekord. Der Niederländer besitzt 6.290 Tüten von 1.191 Fluglinien aus knapp 200 Ländern; darunter sogar ein Speisack aus dem Space Shuttle Columbia. Was des einen Freud, ist des anderen Leid: Wenn sich der Magen in turbulenten Höhen erst mal dreht, schützen die Tüten zwar den Nachbarn vor den spontanen Brechattacken. Die Reisekrankheit, auch Kinetose genannt, lindern sie nicht.

Auch auf stürmischer See, im Auto oder Zug schlägt sie zu. Mitunter reicht schon die Fahrt im Lift oder Karussell: "Reisekrankheit zeigt sich anfänglich durch Schweißausbrüche und ein flaues, zittriges Gefühl, aus dem schnell Übelkeit bis zum Erbrechen wird", weiß Prof. Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf. Hinzu kommen Schlappheit, Müdigkeit, Kopfschmerzen und verzögertes Reaktionsvermögen. "Typischerweise erlöst das Entleeren des Magens nur für wenige Minuten vom Leiden. Das liegt daran, dass die Ursache nicht im Magen liegt, sondern im Gehirn", erklärt Jelinek. Bei einigen Patienten komme es gar zu unstillbarem Erbrechen, das zu Kreislaufproblemen und starkem Flüssigkeitsverlust führe. Ein Zustand, der psychisch belastet: "Aus der Erschöpfung entwickelt sich Verzweiflung, aus der auch der Wunsch des Sterbens folgen kann. Es gibt Berichte von stark seekranken Seefahrern, die über Bord gesprungen sind und sich umgebracht haben." Wer länger reisekrank sei, benötige deshalb verstärkte Betreuung. Solche Extreme gelten aber als eher selten.

Kinetose bedeutet Chaos im Kopf: "Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und weitere Rezeptoren signalisieren dem Gehirn, dass etwas schwankt und sich der Boden bewegt. Die Augen melden aber, dass sich gar nichts tut. Die Informationen verschiedener Sensoren widersprechen sich. Das Gehirn zieht dann die Notbremse und es wird einem schlecht." Denn eigentlich, so Jelinek, gehe das Hirn davon aus, dass sich die Sinnessignale decken. Nur so könne es die eigene Fortbewegung im Raum verlässlich steuern.

Kinder trifft es häufiger als Erwachsene - vor allem unterwegs im Auto. Ihre Hirne kennen und erkennen die widersprüchlichen Situationen noch nicht: "Nur Kleinkinder besitzen einen natürlichen Schutz. Sonst würde ihnen ja ständig schlecht sein, wenn sie herumgetragen werden", sagt Jelinek. Sobald Kinder lernten, sich selbstständig zu bewegen, trete auch die Reisekrankheit auf. Erst mit zunehmendem Alter nehme die Anfälligkeit ab, völlig immun werde man aber nie.

Alles also eine Frage der Gewöhnung? Jelinek bejaht: "Man kann sich vermehrt Gefährten, für die man anfällig ist, in kürzeren Zeitspannen aussetzen. Wenn sie häufiger Achterbahn fahren, wird ihnen langfristig darin auch seltener übel." Astronauten und Kampfpiloten trainierten ihre Toleranz etwa unter starken Gravitationskräften in Zentrifugen.

Normalreisenden hilft oft nur der Griff zur Pille: "Leute, die wissen, dass sie anfällig sind, sollten vor Reiseantritt einen Arzt aufsuchen und vorbeugend Medikamente nehmen. Es macht keinen Sinn sich zu quälen", rät Jelinek. Beliebt sind vor allem rezeptfreie Mittel gegen Reisekrankheit: 2015 setzten deutsche Apotheken mit 6,6 Millionen Packungen 20,7 Millionen Euro um. Ihr Umsatz zum Vorjahr stieg dem Marktforscher IMS Health zufolge damit um ganze 9,1 Prozent. Gängigster Wirkstoff gegen leichte Formen von Reiseübelkeit ist Dimenhydrinat. Über Verkaufstresen gehen aber auch Arzneien mit Diphenhydramin sowie Ingwerwurzelpulver. Bei stärkeren Beschwerden empfehlen Reisemediziner rezeptpflichtige Mittel, etwa mit Cinnarizin. Für die harten Fälle und lange Reisen gibt es Scopolaminpflaster: "Auf hoher See, wenn das Schiff richtig schaukelt, sind sie ein guter Schutz", sagt Jelinek. Sie besitzen allerdings auch das höchste Nebenwirkungspotenzial.

Gilt also frei nach Wilhelm Busch: Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt man hat die Mittel? ÖKO-TEST blieb skeptisch. Wie wirksam und gesund sind rezeptfreie Arzneien gegen Reisekrankheit tatsächlich? Wir haben 20 überprüft.

Das Testergebnis

Mittelmäßig: Drei Präparate haben ihren Platz in der Reiseapotheke mit "gut" verdient. Darunter zwei mit synthetischem und eine Arznei mit natürlichem Wirkstoff. 15 Arzneien schneiden immerhin mit "befriedigend" ab. Zwei Lutschtabletten sind ihr Geld nicht wert: "mangelhaft".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Die Auswahl
Gegen Schwindel, Schwitzen, Übelkeit und Erbrechen auf Reisen gibt es viele rezeptfreie Arzneien in unterschiedlichen Darreichungsformen. Wir haben 14 Tabletten, drei Zäpfchen und ein Kaugummiprodukt aus der Apotheke sowie zwei Lutschpastillen aus Drogerien ausgewählt. Allesamt versprechen Abhilfe gegen die Reisekrankheit.

Das Gutachten
Wie gut helfen die Wirkstoffe wirklich? Diese Frage hat für uns Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt beantwortet. Im Fokus seines Gutachtens lag der Forschungsstand zu den gängigen Wirkstoffen Dimenhydrinat, Diphenhydramin und Ingwerwurzelextrakt sowie ihre Risiken und Nebenwirkungen.

Die Hilfsstoffe
Die getesteten Produkte bestehen auch aus Hilfsstoffen. Sie formen die Tabletten, Zäpfchen und Pastillen. Wir haben uns daher die Beipackzettel genau angeschaut und auf problematische Farb- und Konservierungsstoffe sowie Paraffine geachtet.

Die Bewertung
Wem im Zug, Auto, Flugzeug oder auf dem Schiff schlecht wird, der hofft auf schnelle Hilfe. Ziel unserer Tests war es daher, Ihnen mindestens "gute" Arzneien empfehlen zu können. Für diese Note müssen Präparate verlässlich wirken und dürfen keine kritischen Hilfsstoffe enthalten.

So haben wir getestet

Bergen die Pillen Risiken? Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz bewertete die Wirkstoffe im Test.