Startseite

ÖKO-TEST Februar 2015
vom

Basische Nahrungsergänzungsmittel

Sauer macht frustig

Um die vermeintlich allgegenwärtige Übersäuerung in Schach zu halten, werden Basenpulver angeboten. Doch dem gesunden Verbraucher nutzen sie nicht. Fast alle untersuchten Produkte schneiden mit "ungenügend" ab.

17312 | 470
Zu diesem Thema ist ein neuer Artikel vorhanden.

30.01.2015 | Es gibt viele Gründe, sauer zu reagieren: Stress in der Beziehung, die verspätete Bahn, Ärger im Büro: Aber kann unser Körper durch Stress und falsche Ernährung auch übersäuern? Anscheinend ja, denn warum sonst gäbe es einen ganzen Industriezweig, der vom Verkauf basischer Produkte lebt, die überschüssige Säure neutralisieren sollen. Da ist zum Beispiel das auf pflanzliche und homöopathische Arzneimittel spezialisierte Familienunternehmen Pascoe, das in den Verbraucherinformationen seiner Basenprodukte die heutigen Lebensgewohnheiten infrage stellt: "Essen Sie viel Fleisch, Wurst und Käse und wenig Obst und Gemüse? Rauchen Sie? Trinken Sie Alkohol? Keine Zeit für Bewegung? Fasten Sie? Treiben Sie Leistungssport? Haben Sie häufig mit ‚Ja' geantwortet, dann könnte eine verstärkte Säurebelastung vorliegen bzw. der Säure-Basen-Haushalt nicht ausgeglichen sein."

Die Folgen einer aus einseitiger Ernährung und Bewegungsmangel resultierenden Übersäuerung sollen sich vor allem in unspezifischen Symptomen äußern: Müdigkeit und Erschöpfung, erhöhte Stressempfindlichkeit, nachlassende Konzentration, Muskel- und Gelenkbeschwerden sowie Veränderungen der Haut, Haare und Nägel nennt beispielsweise die Firma Protina. Und wenn es einmal so weit gekommen ist, dann lassen sich Allergien, Osteoporose, Rheuma, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Venenleiden durch "eine Herstellung des Gleichgewichts von Säuren und Basen positiv beeinflussen", das meint jedenfalls der Reformhaus-Ratgeber "Säure-Basen-Haushalt im Gleichgewicht". Fairerweise wird wenigstens eingeräumt, dass diese vermeintlichen Erfolge vor allem auf Erfahrungsberichten beruhen.

In der Natur- und Erfahrungsheilkunde wird eine Übersäuerung als "latente Gewebsacidose" beschrieben. Gemeint ist damit eine verminderte Pufferkapazität in den Zellen und im Gewebe zwischen den Zellen. Verfechter der Übersäuerungshypothese stufen Obst und Gemüse aufgrund ihrer hohen Kalium-, Magnesium- und Calciumgehalte als Basenbildner ein, Fleisch, Käse, Eier und Getreideprodukte hingegen als Säurebildner. Auch sulfatreiche Mineralwässer und phosphathaltige Getränke wie Cola werden zu den säurebildenden Lebensmitteln gezählt. Fette, Öle und weißer Zucker verhalten sich neutral, liefern also weder überschüssige Säuren noch überschüssige Basen.

Zwar kann auch eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung einen gewissen Säureüberschuss erzeugen, doch "beim gesunden Erwachsenen sind die Regulationssysteme des Säure-Basen-Haushalts auch bei einer einseitigen Ernährung in der Lage, Säure- und Basenüberschüsse zu kompensieren und auszuscheiden", erklärt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). "Allgemein ist es daher für gesunde Personen nicht notwendig, zusätzliche ‚basenfördernde' Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Auch die Einteilung der Lebensmittel in sauer und basisch ist überflüssig, da weder eine säureüberschüssige noch eine basenüberschüssige Kost bei gesunden Menschen irgendeinen Vorteil bedeuten", betont Gahl.

Das ganze Gedankengebäude hat aber noch einen weiteren Haken: Eine Übersäuerung ist laborchemisch nur sehr aufwendig messbar. Die Sinnhaftigkeit einer physikalisch-chemischen Bestimmung des Säuregehalts in Körperflüssigkeiten zur Beurteilung einer Übersäuerung im ganzheitsmedizinischen Sinn sei fraglich, schreibt Professor Manfred Herold in "Säure - Basen - Schlacken", einer wissenschaftlichen Pro-und-contra-Diskussion. Denn die physiologischen, meist tageszeitlich bedingten Schwankungen seien größer als jene Verschiebungen, wie sie durch eine angenommene Übersäuerung des Körpers erfolgen könnten.

Eine im Jahr 2009 im Fachblatt Journal of Bone and Mineral Research veröffentlichte Metaanalyse zerlegt zudem die Hypothese, nach der eine ernährungsbedingte Säurelast den Verlust von Knochenmineralien und Osteoporose fördert. Und 2013 resümiert David A. Hanley, Endokrinologe an der Universität Calgary in Kanada, dass sich eine eher alkalische Ernährung oder die zusätzliche Einnahme von Kaliumcitrat oder Kaliumhydrogencarbonat in Studien nicht einheitlich als vorteilhaft für die Knochen erwiesen hätten. Gerade bei älteren Menschen sei viel mehr eine nicht ausreichende Proteinaufnahme ein Problem für die Knochengesundheit. Dem pflichtet auch Jean-Philippe Bonjour von der Abteilung für Knochenerkrankungen am Universitätshospital in Genf in der Schweiz bei. Er hält es nicht für gerechtfertigt, tierische Eiweiße aus der Ernährung zu streichen oder den Verzehr alkalisierender Lebens- oder Nahrungsergänzungsmittel zu verfechten.

Im ÖKO-TEST: 32 basische Nahrungsergänzungsmittel in unterschiedlichen Darreichungsformen. Wir haben sie im Hinblick auf einen möglichen Nutzen unter die Lupe genommen, im Labor auf Schwermetalle wie Arsen, Blei und Cadmium untersuchen lassen und einen kritischen Blick auf die Deklaration geworfen.

Das Testergebnis

Einige wenige Produkte kommen gerade noch mit einem "mangelhaft" davon, der Rest ist "ungenügend". Fehlender Nutzen für den gesunden Verbraucher, überdosierte Inhaltsstoffe und eine lausige Deklaration führen zu diesem vernichtenden Urteil.

ÖKO-TEST Februar 2015

Gedruckt lesen?

ÖKO-TEST Februar 2015 für 4.50 € kaufen (zzgl. Versand)

Zum Shop

ÖKO-TEST Februar 2015

Online lesen?

ÖKO-TEST Februar 2015 für 3.99 € kaufen

Zum ePaper

Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Eingekauft wurden Nahrungsergänzungsmittel, deren Hersteller entweder einen Beitrag zum Säure-Basen-Haushalt ausloben oder deren Name nahelegt, dass sie als "Basen"-pulver- oder -kapseln Säuren neutralisieren sollen oder die von Internetapotheken entsprechend beworben wurden. Quellen waren Apotheken, Drogerien, Reformhäuser und der Versandhandel.

Der Nutzen
Was bringen Basenpulver? Dazu haben wir den Anbietern zwei Fragen gestellt: 1. Auf welche Untersuchungen, die allgemein den Nutzen einer basischen Nahrungsergänzung belegen, beziehen Sie sich? 2. Gibt es produktspezifische Studien, in denen die Wirkung Ihres Produktes auf den Säure-Basen-Haushalt untersucht worden ist? In beiden Fällen sollten uns die Anbieter diese Untersuchungen nennen. Parallel dazu haben wir selbst medizinische Datenbanken nach solchen Studien und aktuellen Forschungsergebnissen durchforstet.

Inhaltsstoffe und Deklaration
Anhand der Deklaration ließen wir prüfen, ob die angegebenen Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen im Einklang mit den Höchstmengenempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung stehen und ob die gesundheitsbezogenen Angaben tatsächlich den Segen der EU-Kommission haben. Da es sich bei den Basenpulvern vor allem um Mischungen verschiedener Mineralstoffe handelt, haben wir sie im Labor auf mögliche bedenkliche Verunreinigungen wie Arsen, Cadmium, Nickel, Blei, Quecksilber und Thallium untersuchen lassen.

Die Bewertung
Da sich Nahrungsergänzungsmittel nicht an Kranke richten, steht für uns die Frage im Vordergrund, ob sie dem gesunden Verbraucher nutzen. Ist dies nicht der Fall, können die Produkte nicht besser als "befriedigend" abschneiden. Zu hoch dosierte maßgebliche Inhaltsstoffe und fragwürdige Auslobungen machen daraus aber schnell ein "mangelhaftes" oder gar "ungenügendes" Gesamturteil.

So haben wir getestet

Ein basischer pH-Wert des Urins und alles ist gut? Das konnten die Hersteller in Studien nicht belegen.