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ÖKO-TEST Oktober 2016
vom

Mittel gegen Harnwegsinfektionen

Tröpfchen für Tröpfchen

Wir haben 36 freiverkäufliche Mittel gegen Blasenentzündungen getestet und waren besonders über die Qualität der Arzneitees überrascht: Die meisten Blasen- und Nierentees erhalten schlechte Noten, weil sie auffallend hoch mit Pflanzengiften belastet sind.

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29.09.2016 | Früher hatte eine der für Helen Schneider schönsten Nebensachen der Welt oft eine unangenehme Nebenwirkung: Ein bis zwei Tage nach dem Sex spürte sie stechende Schmerzen beim Wasserlassen und einen plötzlichen und häufigen Drang auf die Toilette zu gehen. Alles Symptome, die auf eine Blasenentzündung hinweisen. Jedes Mal verschrieb ihr der Hausarzt ein Antibiotikum. Bis zum nächsten Mal. Das änderte sich erst, als Schneider mit einer Freundin über ihre wiederkehrenden Blaseninfekte sprach und diese ihr den Rat gab, unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr die Blase zu leeren. Der letzte Blaseninfekt nach dem Sex - auch als Honeymoon-Zystitis bezeichnet - ist bei der jungen Frau nun schon lange her.

Das Risiko für eine Blasenentzündung ist von Frau zu Frau verschieden: Auslöser kann eine Liebesnacht wie auch eine Unterkühlung sein, etwa durch nasse Badesachen. Bei anderen fördert die Verhütungsmethode mit einem Diaphragma und mit einem spermienabtötenden Verhütungsmittel die Entzündung. Auch Frauen in den Wechseljahren, die eine trockene Scheide und eine veränderte Scheidenflora plagt, können des öfteren unter einer unkomplizierten Zystitis leiden. So wird die Infektion der unteren Harnwege medizinisch genannt.

In der Regel verursachen Enterobakterien wie E. Coli, die eigentlich den Darm besiedeln, einen Harnwegsinfekt. Beim Sex oder durch Abwischen des Pos in Richtung Scheide können sie in die Harnröhre gelangen und bis zur Blase aufsteigen. Das passiert bei Frauen wesentlich häufiger als bei Männern, da ihre Harnröhre nur drei bis vier Zentimeter lang ist. In der Harnblase heften sich die Eindringlinge an die Schleimhaut, vermehren sich und entzünden so das Gewebe.

Nach der medizinischen Leitlinie zu unkomplizierten Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen wird eine Blasenentzündung im Standardfall mit einer antibiotischen Kurztherapie behandelt. "Ihre Dauer ist von der Art des Antibiotikums abhängig", erklärt Professor Florian Wagenlehner vom Uniklinikum Gießen. "Beim Antibiotikum Fosfomycin reicht beispielsweise eine Einmalgabe, während die Kurztherapie mit Nitrofurantoin drei bis fünf Tage dauert." Der Urologe ergänzt: "Unter Umständen ist aber auch eine rein symptomatische Behandlung der Schmerzen möglich." In der Regel heilt eine unkomplizierte Zystitis ohne Probleme aus. Manchmal kommen zu den normalen Beschwerden einer Blasenentzündung weitere Symptome hinzu wie Schmerzen in der Nierengegend und Fieber. Dann könnte eine Nierenbeckenentzündung vorliegen. Diese ist zwar selten, sie sollte aber zügig behandelt werden.

Besonders Frauen, die öfters von Blaseninfektionen betroffen sind, probieren bei den ersten Anzeichen aus, ob sie das Problem mit freiverkäuflichen Mitteln wie Arzneitees oder Cranberryprodukten in den Griff bekommen können. Oder sie nehmen solche Präparate vorbeugend ein. Gegen Cranberrypräparate spricht allerdings, dass ihre Wirksamkeit nach aktuellem Wissensstand wenig überzeugend belegt ist.

Was ist also von den zahlreichen anderen freiverkäuflichen Alternativen zu halten, die bei Harnwegsinfektionen angepriesen werden? Wir haben 21 Blasen- und Nierentees, 13 rezeptfreie Arzneimittel sowie zwei D-Mannose-Präparate eingekauft, die von den Anbietern für eine Behandlung entzündlicherHarn- und Blasenprobleme angeboten werden. Für alle Produkte haben wir die wissenschaftliche Studienlage sichten und begutachten lassen. Zudem wurden die Mittel auf umstrittene und problematische Substanzen überprüft.

Das Testergebnis

Schwache Aussichten. Gerade einmal zwei pflanzliche Arzneimittel gehen mit der Note "gut" aus dem Test. Das Gros der Produkte fällt dagegen mit der Note "ungenügend" durch und das aus ganz unterschiedlichen Gründen: Bei Blasen- und Nierentees sind meist Pflanzengifte das Problem, andere Produkte sind schlicht ohne Wirkung bei Harnwegsinfektionen oder sie enthalten einen Wirkstoff mit krebserregendem Potenzial.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben eine bunte Mischung an rezeptfreien Mitteln gegen Infektionen und Probleme der unteren ableitenden Harnwege eingekauft, darunter etliche Blasen- und Nierentees, die in Apotheken, Drogerien, Supermärkten und Discountern angeboten werden, sowie eine Reihe von Arzneimitteln aus der Apotheke. Zudem wählten wir zwei Produkte mit D-Mannose aus - ein Zucker, der erst seit Kurzem von verschiedenen Anbietern bei Harnwegsproblemen empfohlen wird.

Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel
Sind die Produkte bei Harnwegsinfektionen tatsächlich wirksam? Das hat unser wissenschaftlicher Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt am Main, für uns recherchiert. Dafür durchsuchte der Pharmazeut wissenschaftliche Literaturdatenbanken und ordnete die Datenlage zu den eingesetzten Wirk- und Inhaltsstoffen ein. Zudem begutachtete er die Beipackzettel aller Produkte.

Die Hilfsstoffe
Für die Produktion von Tabletten, Kapseln und Instanttees werden allerlei Zusatzstoffe benötigt. Deshalb überprüften wir die Liste der Bestandteile aller Produkte auf umstrittene und bedenkliche Hilfsstoffe. Produkte mit färbender Zuckerkulör haben wir zudem auf problematische Imidazole überprüfen lassen.

Die Schadstoffbelastung
Alle Blasen- und Nierentees wurden auf Rückstände von Pestiziden sowie auf Pflanzengifte aus der Gruppe der Pyrrolizidinalkaloide analysiert. Da Experten vermuten, dass diese natürlichen Gifte sogar in Kräuterpräparaten wie Kapseln stecken, ließen wir nach ihnen zum ersten Mal in pflanzlichen Arzneimitteln wie Tabletten und Lösungen fahnden.

Die Bewertung
Empfehlenswerte Produkte sollten die Behandlung von Harnwegsinfektionen zumindest unterstützen, aber auch nicht schaden. Somit werteten wir das Fehlen von Wirksamkeitsbelegen ebenso streng ab wie Wirkstoffe mit gesundheitsschädlichem Potenzial. Weiteren Notenabzug gab es für Mängel im Beipackzettel. Pestizidrückstände, die Verunreinigung mit Pflanzengiften sowie problematische Hilfsstoffe verschlechterten besonders bei den pflanzlichen Mitteln das Gesamturteil.

So haben wir getestet

Vor der Analyse auf Pflanzengifte werden die Arzneitees sehr fein gemahlen.