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36 Mittel gegen Harnwegsinfektionen im Test

Jahrbuch für 2018
vom 19.10.2017

Mittel gegen Harnwegsinfektionen

Tröpfchen für Tröpfchen

Wir haben 36 freiverkäufliche Mittel gegen Blasenentzündungen getestet und waren besonders über die Qualität der Arzneitees überrascht: Die meisten Blasen- und Nierentees erhalten schlechte Noten, weil sie auffallend hoch mit Pflanzengiften belastet sind.

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19.10.2017 | Im Test: 21 Blasen- und Nierentees, 13 rezeptfreie Arzneimittel sowie zwei D-Mannose-Präparate, die von den Anbietern für eine Behandlung entzündlicher Harn- und Blasenprobleme angeboten werden. Für alle Produkte haben wir die wissenschaftliche Studienlage sichten und begutachten lassen. Zudem wurden die Mittel auf umstrittene und problematische Substanzen überprüft.

Das Testergebnis

Gerade einmal zwei Arzneimittel gehen mit der Note "gut" aus dem Test. Das Gros der Präparate fällt dagegen mit den Noten "mangelhaft" und "ungenügend" durch. Bei den Blasen- und Nierentees ist ein Produkt "gut", hier sind meist Pflanzengifte das Problem. Andere Produkte sind schlicht ohne Wirkung bei Harnwegsinfektionen oder sie enthalten einen Wirkstoff mit krebserregendem Potenzial.

Die Arzneitees und etliche weitere pflanzliche Arzneimittel enthalten Pflanzenbestandteile, die als harntreibend gelten. Dieser Effekt wird indes nur erreicht, wenn gleichzeitig eine ausreichend große Flüssigkeitsmenge aufgenommen wird. So dienen für die europäische Arzneimittelbehörde EMA entwässernde Heilpflanzen nur traditionell zur Erhöhung der Urinmenge und Durchspülung der Harnwege. Auf diesem Weg sollen die Keime aus der Blase und der Harnröhre geschwemmt und die Heilung des Infekts begünstigt werden. Jedoch beruhen die Kenntnisse zu den harntreibenden Eigenschaften der Heilkräuter ausschließlich auf historischen Belegen, ärztlichen Erfahrungsberichten und Anwendungsbeobachtungen. "Welche Inhaltsstoffe zur Wirksamkeit beitragen, ist bis heute unklar", betont Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt. "Klinische Nutzenbelege liegen für diese Mittel nicht vor." Daher bewerten wir Produkte mit Ackerschachtelhalmkraut, Birkenblättern, Brennnesselblättern, Goldrutenkraut, Hauhechelwurzel, Orthosiphonblättern, Queckwurzelstock und samenfreien Gartenbohnenhülsen als "nur unterstützend" bei Harnwegsinfektionen. Produkte für eine Durchspülungstherapie sind allerdings nicht geeignet bei Ödemen, die durch eine eingeschränkte Herz- und Nierentätigkeit verursacht werden.

Die Bionorica Canephron N Tropfen stufen wir ebenfalls als "nur unterstützend" ein. Basierend auf wenigen Studiendaten kann ein Behandlungsversuch mit den pflanzlichen Tropfen, die Rosmarinblätter, Liebstöcklwurzel und Tausendgüldenkraut enthalten, im Einzelfall sinnvoll sein, urteilt Schubert-Zsilavecz. Zudem wird Liebstöcklwurzel in der Naturmedizin ebenfalls zum Durchspülen eingesetzt. Das Unternehmen Bionorica führt den Anwendungszweck auch im Beipackzettel auf und empfiehlt eine reichliche Flüssigkeitszufuhr.

Produkte mit Bärentraubenblättern, Methionin und D-Mannose sind nicht zu empfehlen. Zwar gelten Bärentraubenblätter als antibakteriell und helfen bei einer leichten Infektion der Harnwege. In ihnen steckt aber der Stoff Arbutin, der im Körper die unter Krebsverdacht stehende Substanz Hydrochinon abspaltet. Wegen dieses Krebspotenzials wert

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben eine bunte Mischung an rezeptfreien Mitteln gegen Infektionen und Probleme der unteren ableitenden Harnwege eingekauft, darunter etliche Blasen- und Nierentees, die in Apotheken, Drogerien, Supermärkten und Discountern angeboten werden, sowie eine Reihe von Arzneimitteln aus der Apotheke. Zudem wählten wir zwei Produkte mit D-Mannose aus - ein Zucker, der erst seit Kurzem von verschiedenen Anbietern bei Harnwegsproblemen empfohlen wird.

Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel
Sind die Produkte bei Harnwegsinfektionen tatsächlich wirksam? Das hat unser wissenschaftlicher Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt am Main, für uns recherchiert. Dafür durchsuchte der Pharmazeut wissenschaftliche Literaturdatenbanken und ordnete die Datenlage zu den eingesetzten Wirk- und Inhaltsstoffen ein. Zudem begutachtete er die Beipackzettel aller Produkte.

Die Hilfsstoffe
Für die Produktion von Tabletten, Kapseln und Instanttees werden allerlei Zusatzstoffe benötigt. Deshalb überprüften wir die Liste der Bestandteile aller Produkte auf umstrittene und bedenkliche Hilfsstoffe. Produkte mit färbender Zuckerkulör haben wir zudem auf problematische Imidazole überprüfen lassen.

Die Schadstoffbelastung
Alle Blasen- und Nierentees wurden auf Rückstände von Pestiziden sowie auf Pflanzengifte aus der Gruppe der Pyrrolizidinalkaloide analysiert. Da Experten vermuten, dass diese natürlichen Gifte sogar in Kräuterpräparaten wie Kapseln stecken, ließen wir nach ihnen zum ersten Mal in pflanzlichen Arzneimitteln wie Tabletten und Lösungen fahnden.

Die Bewertung
Empfehlenswerte Produkte sollten die Behandlung von Harnwegsinfektionen zumindest unterstützen, aber auch nicht schaden. Somit werteten wir das Fehlen von Wirksamkeitsbelegen ebenso streng ab wie Wirkstoffe mit gesundheitsschädlichem Potenzial. Weiteren Notenabzug gab es für Mängel im Beipackzettel. Pestizidrückstände, die Verunreinigung mit Pflanzengiften sowie problematische Hilfsstoffe verschlechterten besonders bei den pflanzlichen Mitteln das Gesamturteil.

So haben wir getestet

Vor der Analyse auf Pflanzengifte werden die Arzneitees sehr fein gemahlen.

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